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Bildsehen // Bildhandeln. Die Freiberger Fotofreunde als Community of Visual Practice

Projektleitung: Ira Spieker, Torsten Näser (Göttingen)
Projektbearbeitung: Nathalie Knöhr, Nadine Kulbe, Claudia Dietze

Blog: https://fotografie.hypotheses.org/

Die Freiberger Fotofreunde

Archive mit mehr als 700.000 Fotografien und eine Geschichte von fast 70 Jahren – das sind die beeindruckenden Rahmendaten der „Freiberger Fotofreunde“. Der Club, 1950 gegründet und mit einer Bestandsdauer über zwei politische Systeme hinweg, zählt zu den ältesten Vereinigungen für Amateurfotografie auf dem Gebiet der damaligen DDR. Seine Mitglieder prägen das Bild und das visuelle Gedächtnis der sächsischen Bergstadt Freiberg und ihrer Umgebung bis heute. Ausstellungen, Publikationen und die Bebilderung von einer beeindruckenden Anzahl an Presseartikeln und Broschüren zur Stadt- und Bergbau-, aber auch zur Fotografiegeschichte der Region, zeugen von der außerordentlichen Produktivität der Freiberger Amateurfotografen und -fotografinnen. Im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes öffnet sich der Club für die wissenschaftliche Forschung und die Mitglieder stellen ihre Bildbestände für die Erschließung zur Verfügung.

DDR-Amateurfotografie als kulturelle, politische und staatlich autorisierte Praxis

Die Geschichte der DDR-Fotografie ist bereits verschiedentlich untersucht worden. Als ein von der DDR-Kulturpolitik institutionalisierter und geförderter Sektor der gesellschaftlichen Kulturarbeit zählt die DDR-Amateurfotografie allerdings noch immer zu den Forschungsdesideraten. Der Freiberger Fotoclub bildet diesbezüglich einen vielversprechenden Ausgangspunkt. Denn der fotografische Gesamtbestand des Clubs eröffnet eine ungewöhnlich breite Material-, Genre- und Motivvielfalt: Politische Kundgebungen zählen ebenso dazu, wie Momentaufnahmen im Stil sozialdokumentarischer Fotografie, Arbeitswelten und Porträts. Die Aufnahmen sind von hoher technischer Qualität: Die Fotofreunde verstehen sich selbst als „Berufsamateure“. Eine Neupositionierung des Amateurbegriffs im Hinblick auf zeitgeschichtliche Entwicklungen, die im öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskurs mit Schlagworten wie Professionalisierung, Ökonomisierung und Technisierung beschriebenen werden, verspricht außerdem erkenntnisreiche Impulse für gesellschaftstheoretische Fragestellungen zu Wissenskonzepten und -praktiken.

Der Fotoclub als Community of Visual Practice

Mit seinem praxeologischen und partizipativen Ansatz fokussiert das Vorhaben die visuellen Produkte und Praktiken des Fotografierens gleichermaßen. In den beiden Teilprojekten „Bildsehen“ und „Bildhandeln“ wird die Praxis der Fotografie mit ihren vielfältigen Akteur*innen und deren alltäglichem und kollektivem Handeln, zwischen Produktion, Präsentation und sozialen Kontexten, sowohl kulturhistorisch als auch gegenwartsbezogen ethnografisch erforscht. Im Teilprojekt „Bildsehen“ stehen ausgewählte Samples und bildanalytische Verfahren im Mittelpunkt, die mit biografischen und themenzentrierten Interviews verbunden werden. Beziehungen zwischen Motivwahl und Bildsprache und dem jeweiligen (kultur-)politischen, sozialen und individuellen Kontext werden auf diese Weise ebenso erfasst wie die Herausbildung ästhetischer Konventionen im diachronen Verlauf. Das Teilprojekt „Bildhandeln“ nähert sich den ungebrochen regen Vereinsaktivitäten primär durch Zugänge des Beobachtens und des Teilnehmens. Die Visualisierungspraxen der Freiberger Fotofreunde werden dabei als Resultate dynamischer Mensch-Ding-Beziehungen in den Blick genommen und die gemeinschaftliche Aushandlung impliziter und expliziter Regeln „guter“ fotografischer Praxis ethnografisch erschlossen. Eine Langzeitperspektive auf ihre Verfasstheit als lokale Praktiker*innengemeinschaft, auf die Entwicklung ihrer kollektiven multi-sensorischen Praktiken des Sehens, Aufzeichnens und Zeigens, liegt beiden Teilprojekten zugrunde.

Bildsehen // Bildhandeln – Projektziele und Kooperationen

Ein repräsentativer Teil des Bildbestandes der Freiberger Fotofreunde wird im Rahmen des Projektes systematisch gesichtet und nach Häufigkeit von Bildmotiven und Genres kategorisiert. Für die Geschichte der Fotofreunde charakteristische Teilkonvolute werden anschließend in die Bilddatenbank des ISGV eingepflegt. Ergänzende teilstandardisierte und lebensgeschichtliche Interviews, die die ausgewählten Fotografien und ihre Entstehung kontextualisieren, werden über das Lebensgeschichtliche Archiv des ISGV zugänglich gemacht. Darüber hinaus werden auch Quellen- und Bildbestände bearbeitet, die sich im Stadt- und Bergbaumuseum in Freiberg, im Bundesarchiv Berlin sowie im Sächsischen Staatsarchiv – Staatsarchiv Chemnitz befinden. Das Projekt wird zudem von der Deutschen Fotothek Dresden sowie vom Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg unterstützt.

Informationen über den Verlauf des Projekts werden im Hypotheses-Blog Bildsehen / Bildhandeln. Akteur*innen und Praktiken der (Amateur-)Fotografie veröffentlicht. Zum Ende der dreijährigen Laufzeit findet das Projekt mit einer Tagung, in Kooperation mit der dgv-Kommission für Film und audiovisuelle Anthropologie, seinen Abschluss.

Filmprojekt über Gunther Galinsky

Konzeption und Realisation: Torsten Näser (Institut für Kulturanthropologie/ Europäische Ethnologie, Universität Göttingen) und Oliver Becker (Filmproduktion Göttingen)

In der ersten Phase des Projektes wird ein von Torsten Näser und Oliver Becker konzipierter und realisierter dokumentarischer Film Wirken und Werk des 2019 verstorbenen Gunther Galinsky thematisieren. Als langjähriges Mitglied und Leiter der Freiberger Fotofreunde, war er bis zu seinem Tod einer der prägenden Akteure des Clubs. In seiner (fotografischen) Biografie spiegeln sich alle wesentlichen künstlerischen, technologischen und politischen Entwicklungen und Phasen des Vereins wider. Im Film kommen ausgewählte Weggefährt*innen Galinskys zu Wort, die visuelle Basis bilden ausgewählte Fotografien. Mit den Mitteln des found (photograpic) footage films wird der Film über Gunther Galinsky erste Thesen zur fotografischen Praxis der Freiberger Fotofreunde formulieren.