Soziales Erbe. Postsozialistische Vereinigungen ehemaliger DDR-Betriebskollektive zwischen Traditionalisierung und neuer Vergemeinschaftung

Projektleitung: Ira Spieker
Projektbearbeitung: Oliver Wurzbacher, Nick Wetschel, Claudia Dietze
Projektlaufzeit: 02/2020 - 12/2022

Die Abwicklung, Auflösung und Privatisierung sozialistischer Betriebe seit 1989/90 stellt eine der grundlegendsten Veränderung der Transformationszeit dar. Was nach 1989 als ein Wandlungsprozess auf institutioneller Ebene geplant war, der die sozialistische DDR und deren Planwirtschaft in das demokratische System der BRD mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung integrieren sollte, wirkte sich in vielerlei Hinsicht auf die Leben vormaliger DDR-Bürger*innen aus. Neuen betriebswirtschaftlichen Bedingungen folgten oft Verlusterfahrungen und Resignation. Viele Betroffene mussten mit Arbeitslosigkeit, sozialer oder ökonomischer Unsicherheit umgehen oder erfuhren die Entwertung von Kompetenzen und Wissensbeständen.

Resignation und Distanzierung waren jedoch nicht die einzigen Bewältigungsstrategien für die neue Situation. In vielen Fällen gründeten sich Gruppen und Interessengemeinschaften, die auf eine Kontinuität des sozialen Zusammenhalts zielten. Allein im Kreis Görlitz bestehen mittlerweile etwa 50 Vereine und andere Gruppen, die sich aus ehemaligen Arbeitszusammenhängen formiert haben. Diese Gruppen haben zumeist das Ziel, materielle Zeugnisse zu erhalten sowie Wissen zu tradieren und neue Gemeinschaftsformen zu entwickeln.

Das Forschungsprojekt widmet sich diesen neuen Vergemeinschaftungsformen und fragt danach, wie die Beschäftigten sozialistischer Betriebe auf das Ende der vormaligen (Arbeits-)Gemeinschaften reagierten und welche neuen Strukturen der Zusammengehörigkeit sie ausbildeten. Einen regionalen Fokus wird die Forschung auf die Oberlausitz legen, die heute und im Zuge der Transformationsprozesse allzu oft als „Sorgenregion“ des Landes konstruiert wird. Vor Ort sollen im Sinne einer akteurszentrierten Perspektive lebensgeschichtliche Interviews und Teilnehmende Beobachtungen durchgeführt werden. Dem Forschungsvorhaben liegt die theoretische Überlegung zugrunde, dass das arbeitskulturelle Erbe der DDR-Zeit drei Ebenen verknüpft: materielles und immaterielles Kulturerbe sowie zudem soziales Erbe. Der Begriff des sozialen Erbes fasst dabei Strategien und Praktiken der Akteur*innen, die (im)materielles Erbe in neue Bedeutungszusammenhänge überführen. Die Vereine und Interessengemeinschaften werden dabei als Instanzen der Traditionalisierung und Musealisierung des Lebens vor 1989 angesehen. Das Projekt nimmt so einen Standpunkt im Rahmen von Transformationsforschung ein, der Akteur*innen und deren Handlungen in den Vordergrund stellt und institutionellen Wandel als Rahmenbedingungen fasst.

Die Arbeit ist Teil des interdisziplinären Projektverbundes „Multiple Transformationen. Gesellschaftliche Erfahrung und kultureller Wandel in Ostdeutschland und Ostmitteleuropa vor und nach 1989“. Die Zusammenarbeit des ISGV mit dem Sorbischen Institut, dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden und dem Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa soll durch eine heterogene und breite Methoden- und Quellenbasis innovative Perspektiven auf Transformationstheorien ermöglichen und Synergieeffekte erzeugen. Über die Projektlaufzeit werden vier Workshops zu den spezifischen Teilprojekten veranstaltet, gegen Ende der Projektlaufzeit ist die internationale Abschlusskonferenz „Kulturen des langen Wandels“ geplant, auf der die Ergebnisse der Forschung präsentiert werden.

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