Fundstück aus dem ISGV – im September 2026

„Diesem Laos durchaus einen Demos gegenüberstellen.“ – Eine Fachzeitschrift zwischen Wissenschaftlichkeit und politischem Gebot

von Claudia Pawlowitsch

Mit dieser programmatischen Formel beschrieb der langjährige Chefredakteur des Referateorgans „DEMOS“, Rudolf Weinhold (1925–2003), 1998 in einem Interview das Ziel eines Projekts, das fast vierzig Jahre lang die mitunter schwer erschließbare ethnografische und folkloristische Fachliteratur Osteuropas dokumentierte und über die wissenschaftlichen Institutionen des Fachs informierte. Weinhold stellte den „DEMOS“ damit rückblickend zwar in Abgrenzung, zugleich aber auch in eine semantische Nachfolgerschaft der von der Commission des Arts et Traditions Populaires (CIAP) herausgegebenen Zeitschrift Laos: Études comparées de folklore et d’ethnologie régionale. Während Laos [griech. λαός, laós] das Volk als ungegliederter Masse ohne politische Verfasstheit meint, bezeichnet Demos [griech. δῆμος, dēmos] das politisch organisierte Bürgervolk – ein Bedeutungsunterschied, der im Namen der Zeitschrift programmatisch gesetzt war. Zugleich verstand sich der „DEMOS" als ein praktisches Beispiel wissenschaftlicher Zusammenarbeit im sozialistischen Osteuropa. Unter Leitung des Instituts für deutsche Volkskunde in Berlin wirkten an dem Projekt Institute für Folkloristik und Ethnografie sowie Kulturministerien aus Albanien, Bulgarien, Jugoslawien, Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, Ungarn und der UdSSR mit.

Gründung und programmatische Zielsetzung (1956–1960)

Das Konzept dieser international ausgerichteten und in ihrer Form einzigartigen Publikation verfolgte von Beginn an auch wissenschafts- und kulturpolitische Ziele. Dies zeigte sich bereits in der Wahl des Titels. Wilhelm Fraenger (1890–1964) begründete die Namenswahl 1956 in einem Schreiben an die Volkskundler:innen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR mit der „fortschrittliche[n] Grundeinstellung der sowjetischen und volksdemokratischen Ethnographie“. Der „DEMOS“ sollte dabei nicht nur einem wissenschaftlichen Bedürfnis, sondern zugleich einem „politischen Gebot der Stunde“ entsprechen.

Damit orientierte sich die Zeitschrift an der seit Mitte der 1950er-Jahre unter dem Linguisten und Volkskundler Wolfgang Steinitz (1905–1967) neu ausgerichteten Volkskunde in der DDR, die sich nun einerseits sozialistischen Leitlinien verpflichtete, andererseits auch fachlich als Gegenentwurf zu den in der Bundesrepublik Deutschland aktiven Heimatvertriebenenverbänden und deren volkskundlicher ‚Ostforschung‘ verstand. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der noch präsenten Erinnerungen an den von Deutschland ausgehenden Vernichtungskrieg erschien eine solche Positionierung als notwendig. Nach der konstituierenden Sitzung der Gesamtredaktion im Berliner Institut 1957 erhielt der Akademieverlag vom Ministerium für Kultur der DDR 1958 die Lizenz zur Herausgabe der Zeitschrift. Zwei Jahre später erschien die erste Ausgabe, die in der internationalen Fachwelt positiv aufgenommen wurde.

Redaktionelle Praxis: Organisation, Arbeitsweise und Produktionsbedingungen

Wie sich die Zielsetzungen im „DEMOS“ niederschlugen, zeigt dessen Aufbau und Arbeitsweise. Kernstück der bilderlosen Publikation waren die in deutscher Sprache verfassten Referate zu veröffentlichten und unveröffentlichten Arbeiten aus Ethnografie und Folkloristik. Anders als Rezensionen enthielten sie weder persönliche Wertungen noch ausführliche fachliche Einordnungen, sondern informierten sachlich über Inhalte und Ergebnisse. Neben den Referaten finden sich auch Berichte, Chroniken und Mitteilungen zu aktuellen Forschungsvorhaben, abgeschlossenen Forschungsarbeiten sowie wissenschaftlichen und musealen Einrichtungen der beteiligten Länder.

Die Erstellung des „DEMOS“, der zunächst halbjährlich und ab 1969 vierteljährlich erschien, erforderte einen beträchtlichen Arbeits- und Kommunikationsaufwand. Die Hauptredaktion hatte ihren Sitz zunächst in Berlin, ab 1962 in Dresden an der sächsischen Forschungsstelle des Berliner Akademieinstituts. Sie koordinierte die Arbeit der Nationalredaktionen, organisierte die regelmäßig stattfindenden Redaktionskonferenzen und verantwortete die fachliche und sprachliche Endredaktion der Beiträge. Die Nationalredaktionen vergaben ihrerseits Arbeitsaufträge an Wissenschaftler:innen und fertigten erste Übersetzungen ins Deutsche an. Zur geschäftsführenden Redaktion gehörten zunächst Ludvík Kunz (1914–2005) und Günther Jarosch (1914–1995); 1960 übernahm Rudolf Weinhold dessen Aufgaben. Für die Textredaktion und ab 1970 auch für die Hauptredaktion war Brigitte Emmrich (1940–2009) verantwortlich.

Die Kleinteiligkeit des Projekts sowie die in der Vernetzung angelegte Arbeitsteilung stießen wiederholt an strukturelle und zeitliche Grenzen. Die Kommunikation mit Nationalredaktionen, Verlagen und Autor:innen sowie Korrektur-, Übersetzungs- und Satzarbeiten führten dazu, dass Redaktionstermine nicht immer eingehalten werden konnten. Auch spürten die Redaktionsmitglieder die Hemmnisse der Produktionsbedingungen, etwa hinsichtlich der genehmigten Papierkontingente, die die Auflagen auf 500 bis 700 Exemplare begrenzten. Die Hauptredaktion musste sich zudem mit den unterschiedlichen organisatorischen Voraussetzungen der Nationalredaktionen auseinandersetzen. Verschiedene institutionelle Strukturen, ungleiche personelle Ausstattung und sprachliche Barrieren erschwerten die Zusammenarbeit. Um letztere Herausforderungen zu bewältigen, wurde 1969 ein international besetzter sprachwissenschaftlicher Beirat eingerichtet.

Akademiereform 1968/69 und marxistisch-leninistische Neuorientierung

Neben den erwähnten Besonderheiten der Produktion einer internationalen Publikation bedingte die 1969 abgeschlossene Hochschul- und Akademiereform der DDR eine Neuausrichtung des „DEMOS“. Ziel der Reform war es, die Wissenschaft zu konsolidieren und stärker an der Parteilinie sowie dem Führungsanspruch der SED auszurichten. Die Akademiereform, so resümierte Hermann Strobach (1925–2018), sei eine Reaktion der SED-Führung auf den „Prager Frühling“ gewesen und habe der stärkeren Kontrolle sowie ideologischen Ausrichtung der Wissenschaften gedient. Dies führte zur Eingliederung des Instituts für deutsche Volkskunde als Wissenschaftsbereich Kulturgeschichte/Volkskunde in das neu gegründete Zentralinstitut für Geschichte an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (ab 1972: Akademie der Wissenschaften der DDR). Von der Reform waren sowohl das Fach Volkskunde als auch der „DEMOS“ betroffen. Während die Anbindung an die Geschichtswissenschaft neue Möglichkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit und Historisierung eröffnete, ging sie zugleich mit einem teilweisen Verlust fachlicher Eigenständigkeit einher. Der Politikhistoriker Bernhard Weißel, der die Direktion des Zentralinstituts Geschichte vertrat und zugleich Leiter des neugegründeten Wissenschaftsbereichs Kulturgeschichte/Volkskunde war, wurde neben Weinhold zum neuen Chefredakteur ernannt. Beide waren für die gesellschaftspolitische Gesamtkonzeption zuständig und rieten, in enger Abstimmung mit der sowjetischen Nationalredaktion, die neue Grundkonzeption an den politischen Zielen des Marxismus-Leninismus auszurichten.

Ein Ausdruck dieser Entwicklung war die ab 1970 eingeführte und für alle Teilnehmerländer verbindliche Systematik der Referate im „DEMOS“, die auf den Prinzipien des historischen Materialismus beruhte und eine marxistisch-leninistische Präzisierung vorsah. Zuvor orientierte sich die Gliederung an dem von den Schweizer Volkskundlern Eduard Hoffmann-Krayer (1864–1936) und Paul Geiger (1887–1952) entwickelten System, an das auch die „Internationale Volkskundliche Bibliographie“ angelehnt war. Bereits auf der Redaktionskonferenz von 1966 galt dieses System im Hinblick auf die ‚sozialistische Gegenwart‘ als überholt. Die neue Systematik kann als Versuch einer Standardisierung und Harmonisierung und damit auch Steuerung der Wissensproduktion verstanden werden. Sie bildete damit die fachlich neuen Schwerpunkte ab und bot nun eine größere Schnittmenge zwischen Wissenschaft und politischen Intentionen, so beispielsweise durch die neu hinzugekommenen Sachgruppen „Sozialistische Gesellschaft“ oder „Schichten im Sozialismus/Kommunismus“. Die Auseinandersetzungen um die neue Systematik wurden zu einem Politikum und dürften dazu beigetragen haben, dass der Jahrgang 1971 ausblieb. Offiziell wurden technische Schwierigkeiten des Verlages vorgeschoben. Die Mitarbeit der Nationalredaktionen, insbesondere bei Themen mit eindeutig gesellschaftspolitischem Bezug, bezeichnete Weinhold in einem Bericht von 1977 als sehr unterschiedlich: Gegen Ende der 1960er-Jahre und zu Beginn der 1970er-Jahre kamen aus der ČSSR nur sehr wenige Beiträge; ganz im Gegensatz zu den Redaktionen der UdSSR, Bulgariens und der DDR.

Trotz der ideologischen Profilschärfung blieb der „DEMOS“ Teil eines internationalen Austauschnetzwerks zwischen Bibliotheken sowie Lehr- und Forschungseinrichtungen. Insgesamt bezogen 42 Institutionen aus sozialistischen und nichtsozialistischen Ländern – darunter Schweden, die USA und Frankreich – die Zeitschrift im Tausch gegen eigene Publikationen. Auf diese Weise konnten fachwissenschaftliche Entwicklungen auch über Länder- und Systemgrenzen hinweg verfolgt werden. Bis heute lassen sich viele der damals ausgetauschten Zeitschriften in den Beständen der Bibliothek des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) nachweisen. Zudem bestehen weiterhin Tauschbeziehungen, unter anderem mit Einrichtungen in Serbien, Kroatien und Tschechien.

Transformation 1989/90 und Neuverortung

Die gesellschaftspolitischen Umbrüche von 1989/90 führten auch beim „DEMOS“ zu einer grundlegenden Neuorientierung. Mit dem Einigungsvertrag wurde die Trägerinstitution des „DEMOS“, die Akademie der Wissenschaften der DDR, von ihren Forschungsinstituten und angegliederten Organisationen getrennt und 1992 aufgelöst. Damit entfiel die institutionelle und finanzielle Grundlage der Zeitschrift. Mit der Empfehlung des deutschen Wissenschaftsrats, die Zeitschrift weiterzuführen, dem Verkauf der Verlagsrechte an die britische Verlagsgruppe Gordon & Breach Publishing Group sowie einer Anschubfinanzierung durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst waren wichtige Grundlagen für die Fortführung nach einer zweijährigen Erscheinungspause gelegt worden. Dabei blieb das ursprüngliche Anliegen – die Erschließung schwer zugänglicher Fachliteratur aus Ost- und Südosteuropa – erhalten, wurde jedoch auf ganz Europa ausgedehnt. Zugleich öffnete sich die Zeitschrift neuen Publikationsformen: Der bisherige Referatenstil wurde zunehmend durch ausführlichere Rezensionen und Berichte ersetzt. Die langjährigen Kontakte zu Forschungseinrichtungen in Osteuropa erwiesen sich in dieser Phase als wichtige Grundlage. Die bestehenden Netzwerke waren dabei ein zentrales Argument für die Fortführung der Zeitschrift – ganz besonders im Kontext der sich abzeichnenden Europäisierung des Faches. Zugleich wurde der bestehende Verbund um weitere Länder ergänzt, darunter Irland, Griechenland, Portugal, Finnland, Österreich, Litauen und die Ukraine. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in den Inhalten des „DEMOS“ wider und führte zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit den Bezeichnungen, Forschungsfeldern und Selbstverständnissen der europäischen Fachtraditionen.

Im Jahr 2001 wurde der „DEMOS“ auf der Dresdner Tagung „Europäische Ethnologien im neuen Millennium. Inhalte und Methoden“ erstmals auch in einer Online-Version vorgestellt.  Trotz dieser Neuerung wurde er noch im selben Jahr eingestellt. Ausschlaggebend waren mehrere Faktoren: die veränderten Bedingungen wissenschaftlicher Kommunikation, der Rückgang eingehender Beiträge aus Osteuropa, Umstrukturierungen im Verlag sowie personelle Engpässe in der Dresdner Redaktion. Die über Jahrzehnte aufrechterhaltene europaweite Repräsentativität des Projekts ließ sich unter diesen Voraussetzungen nicht mehr gewährleisten. Hinzu kam, dass für die langjährige Chefredakteurin Brigitte Emmrich keine Nachfolge in Aussicht stand und die mit dem Projekt verbundene Arbeitslast zunehmend schwerer zu bewältigen war. Als thematisches Nachfolgeprojekt sollte das ebenfalls in Dresden erscheinende Jahrbuch „Volkskunde in Sachsen“ Osteuropa nun zu einem Schwerpunkt erheben.

Was bleibt?

Rückblickend erweist sich der „DEMOS“ als aufschlussreiches Beispiel für die bisweilen sehr aufwendige Zusammenarbeit zwischen den sozialistischen Staaten Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Zeitschrift macht die über Jahrzehnte bestehenden transnationalen Wissensnetzwerke sowie institutionellen und personellen Verflechtungen sichtbar. Zugleich lassen sich an ihr die Wechselwirkungen von Wissenschaft und Politik beobachten – von der marxistisch-leninistischen Neuorientierung der 1970er-Jahre bis zu den Anpassungsprozessen nach 1989/90. Damit eröffnet der „DEMOS“ Einblicke in die Themen, Methoden und Kommunikationswege der europäischen Ethnologie und Folkloristik im 20. Jahrhundert. Die Jahrgänge des „DEMOS“ sowie die Unterlagen der Dresdner Redaktion sind in den Sammlungen des ISGV zugänglich und laden zur weiteren Erforschung dieser transnationalen Wissenschaftsgeschichte ein.

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