Fundstück aus dem ISGV – im Oktober 2026
Zwischen Inventarisierung und Transformation. Die Fotodokumentation „Veränderung der Wohn- und Wirtschaftsweise sächsischer Dörfer und Kleinstädte“ (1993 bis 1996)
von Marsina Noll
Die politische Wende 1989/90 leitete in den neuen Bundesländern einen Transformationsprozess ein, der nicht nur die politischen und administrativen Strukturen betraf, sondern auch bauliche Veränderungen, insbesondere in den sächsischen Dörfern und Kleinstädten, nach sich zog. Um diese Phase des Übergangs wissenschaftlich und visuell festzuhalten, wurde Mitte der 1990er-Jahre durch die Projektgruppe Volkskunde am Institut für Geschichte der TU Dresden ein volkskundliches Dokumentationsprojekt ins Leben gerufen: Das Projekt „Veränderungen der Wohn- und Wirtschaftsweise in sächsischen Dörfern und Kleinstädten“ stand unter der wissenschaftlichen Leitung von Bernd Schöne und konzentrierte sich vor allem auf die fotografische Dokumentation örtlicher Umgestaltungen, sowohl im öffentlichen Bereich als auch von privaten Gebäuden. Zwischen 1994 und 1996 entstanden durch den Fotografen Jörg Hennersdorf rund 13.000 Fotografien, die den wirtschaftlichen und kulturellen Umbruch sowie die verschiedenen Strategien der ländlichen Bewohner:innen, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen, dokumentieren. (Abb. 1)
Fragmentarische Überlieferung: Zur Problematik der archivalischen Rekonstruktion
Die ursprüngliche Einordnung der Fotografien beruhte auf einem analogen System, bei dem die Bilder auf Trägerkartons geklebt und mit handschriftlichen oder getippten Kontextinformationen versehen wurden. Im Zuge der späteren Digitalisierungsprozesse in den frühen 2000er Jahren wurde versucht die analogen Informationssysteme ins Digitale zu übertragen: Die Trägerkartons wurden in der Regel nicht mitdigitalisiert, stattdessen sollten die dort hinterlegten Daten in die Metadatenmasken eingespeist werden. Da die damaligen Erfassungssysteme technisch begrenzt waren, und die Auswahl relevanter Informationen in der Einschätzung unterschiedlicher Mitarbeiter:innen lag, gingen Informationen wie Details zum Ort oder der Aufnahmesituation verloren.
Zudem wurden dem Kernbestand des Projekts im Laufe der Jahre weitere Fotografien zugeordnet, die zwar im selben Zeitraum entstanden, aber inhaltlich andere Schwerpunkte setzten, beispielsweise Bilder von Friedhöfen, religiösen Prozessionen, Handwerksbetrieben oder traditionellem Weihnachtsschmuck. So umfasst das Projekt in der ISGV-Bilddatenbank Daminion gegenwärtig ca. 15.600 Bilddokumente. Aufgrund der fehlenden Kontextinformationen kann nur Bernd Schönes Text „Zur Veränderung des Erscheinungsbildes sächsischer Dörfer und Kleinstädte in den 1990er Jahren“ aus dem Jahr 2003 als Referenz dienen: Demnach sollte es sich um ca. 13.000 visuelle Quellen handeln, die zwischen 1994 und 1996 durch den technischen Mitarbeiter und Fotografen Jörg Hennersdorf aufgenommen wurden.
Das Bildprogramm der Transformation: Eine bildanalytische Rekonstruktion
Eine detaillierte visuelle Analyse der Fotografien offenbart ein eher implizites Bildprogramm, das sich über insgesamt dreißig sächsische Landkreise und Kreisstädte erstreckt. Gemeinden wie Dresden, Radeberg, Dippoldiswalde, Meißen und Ebersbach in der Oberlausitz sind mit einer besonders hohen Dichte an visuellen Belegen von jeweils über zweihundert Aufnahmen vertreten. (Abb. 2) Bei der systematischen Betrachtung des Bildmaterials lässt sich eine gewisse motivische Dreiteilung herausarbeiten, welche die unterschiedlichen Stadien des Transformationsprozesses widerspiegelt.
Ein umfänglicher Teil dokumentiert den Verfall und die Abnutzung. Die dominierenden Farben der Gebäudefassaden sind braun, beige und grau, der Putz bröckelt von den Wänden, zahlreiche Fenster sind blind oder eingeschlagen. Ein weiteres Segment zeigt den Um- oder Neubau von Gebäuden: Viele Häuser sind von Baugerüsten umgeben, Schuttrutschen ragen aus den oberen Etagen und die Renovierungsarbeiten sind in vollem Gange. Interessanterweise sind nur in diesem Zusammenhang Personen integraler Bestandteil der Bildkomposition, was die Dynamik der Bauprozesse, des Umbruchs und Wandels zusätzlich unterstreicht. (Abb. 3 und 4) Zwar sind auch auf den anderen Aufnahmen Menschen erkennbar, jedoch mehr als eine Art ‚Beiwerk‘, weil sie sich im Moment der Aufnahme vor dem Gebäude befanden. Über die Frage, ob es sich bei der Einbeziehung von Personen um eine bewusste oder unbewusste Entscheidung Hennersdorf handelte, kann allerdings nur spekuliert werden. Das dritte wiederkehrende Motiv betrachtet die fertiggestellten Renovierungsarbeiten: Die frisch gestrichenen Häuserfronten erstrahlen in weiß, rosa und gelb, die Kästen an Fenstern und Balkonen sind üppig mit Blumen geschmückt, Verzierungen und Wandsprüche sind wieder deutlich erkennbar. (Abb. 5-7)
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Abb. 2: Leerstehendes Gebäude am Nikolaisteg in Meißen, Foto: Jörg Hennersdorf, 18.03.1995 (ISGV, Bildarchiv, 003358). -
Abb. 3: Anbringen eines Wandspruchs an einem Buswartehaus in Niedercunnersdorf, Foto: Jörg Hennersdorf, 03.05.1995 (ISGV, Bildarchiv, 014277). -
Abb. 4: Umbau einer Verkaufsstelle in Geising, Foto: Jörg Hennersdorf, 13.052.1994 (ISGV, Bildarchiv, 014503). -
Abb. 5: 1992 renovierter ehemaliger Bauernhof in Altengroitzsch, Foto: Jörg Hennersdorf, 30.05.1994 (ISGV, Bildarchiv, 005044). -
Abb. 6: Ehemaliger Bauernhofmit renovierten Dach und ausgebessertem Fachwerk, Foto: Jörg Hennersdorf, 03.08.1996 (ISGV, Bildarchiv, 019076). -
Abb. 7: Renovierter Gasthof „Goldener Stern“ in Frauenstein, Foto: Jörg Hennersdorf, 10.09.1994 (ISGV, Bildarchiv, 007223).
Es gibt jedoch einige Ausnahmen dieser Bildtypen: Ungefähr die Hälfte der Fotografien aus Polenz und Großröhrsdorf zeigen Inventar und Objekte der örtlichen Museen bzw. Heimatstuben. Wie es zu diesen Aufnahmen kam, kann anhand der Metadaten nicht rekonstruiert werden. Zudem finden sich in beiden Fällen keine Aufnahmen von Um- oder Neubauten. Nur einige wenige zeigen bereits renovierte Privathäuser. Breunsdorf nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein: 1994 wurde das ehemalige Straßendorf südlich von Leipzig durch den „Tagebau Vereintes Schleenhain“ devastiert. Jörg Hennersdorf muss das Dorf kurz vor seinem endgültigen Abriss besucht haben. Alles, was er noch dokumentieren konnte, waren mehr oder weniger abbruchreife Gebäude und Ruinen.
Das Dorf als Spiegel der Systemtransformation
Die baulichen Veränderungen, welche die Kamera einfing, sind keineswegs rein ästhetischer Natur; sie sind vielmehr die materielle Manifestation sozialökonomischer Umbrüche. Mit der Privatisierung und Abwicklung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften verloren viele ländliche Bewohner fast über Nacht ihre Beschäftigung. Viele landwirtschaftliche Großbetriebe und Hofanlagen konnten von den Eigentümer:innen finanziell nicht mehr unterhalten werden, was Leerstand und Verfall zur Folge hatte. Bernd Schöne spricht in diesem Zusammenhang von einem Prozess des „Absterbens.“ (Abb. 8)
In Kontrast zu den sterbenden Dörfern standen die Regionen im Einzugsgebiet der größeren Städte, insbesondere im Elbtal um Dresden und Meißen. Hier vollzog sich eine Entwicklung hin zu sogenannten Pendlerdörfern. Die Bewohner:innen suchten sich Beschäftigungen außerhalb der traditionellen Landwirtschaft, was die Erhaltung reiner Wirtschafts- und Stallgebäude obsolet machte. Die Fotografien dokumentieren die daraus resultierenden Anpassungsstrategien: Ehemalige Stallungen und Scheunen wurden zu Wohnraum umgewidmet, einzelne Gebäude von Vierseitenhöfen baulich miteinander verbunden und größere Fensteröffnungen eingebaut.
Besonders auffällig in Hennersdorfs Bildern ist die Errichtung von Anbauten, die als Garagen dienen sollten. Diese stehen nicht nur stellvertretend für die veränderte berufliche Zusammensetzung und gesteigerte Mobilität der Bewohner:innen, sondern auch für einen neuen Besitzgegenstand mit Statuswert: das ‚Westauto‘. Die Garagenanbauten waren mitunter großzügig angelegt und passten oft auch nicht zum Stil der Altbauten. Möglicherweise wirkten sie deshalb auf Schöne im Zusammenhang mit der restlichen Dorfgestaltung eher deplatziert. (Abb. 9)
Die ideale Umgestaltung
Ob und vor allem wie ein Dorf saniert wurde, ist Bernd Schöne zufolge nicht nur eine Frage der finanziellen und infrastrukturellen Voraussetzungen, sondern auch Teil der Suchbewegung nach einer Neugestaltung des Ortsbildes. Wie seine Bemerkung zu Garagenneubauten vermuten lässt, entspricht seine Vorstellung von einem gelungenen Aufbau die der Wiederherstellung eines ‚historischen‘ Erscheinungsbildes. Sie verdeutlicht auch die unterschiedlichen Prioritäten zwischen einer alltagsnahen Praktikabilität und den Zielen der Denkmalpflege. Ein Beispiel hierfür ist die bauliche Entwicklung der für die Oberlausitz typischen Umgebindehäuser. Wenn die hölzernen Oberkonstruktionen dieser traditionellen Gebäude sanierungsbedürftig wurden, entschieden sich viele Eigentümer:innen aus Kostengründen und praktischen Erwägungen dafür, die alten Holzelemente und Schindeln durch Ziegelmauerwerk zu ersetzen. Schöne betrachtet diesen Prozess der ‚Versteinerung‘ mit großer Sorge, da er den Fortbestand regionaler Baudenkmale und die Kontinuität der traditionellen Holzbauweise akut gefährdet sah.
Positiv hingehen bewertet er die Rekonstruktions- und Sanierungsmaßnahmen, vor allem in tourismusstärkeren Regionen, wie der Sächsischen Schweiz, dem Weißeritzkreis, dem Elbtal zwischen Dresden und Meißen und dem Vogtlandkreis, welche sich auf den Erhalt der lokalen Spezifika richteten. Gut beobachten lasse sich dieser Umstand an der Rekonstruktion von Schmuckelementen an den Gebäudefassaden. Eine umfängliche Instandsetzung war vielfach zu teuer, weshalb sich die Eigentümer:innen vor allem auf die äußerliche Wiederherstellung der regional spezifischen Architektur konzentrierten. Bildbeispiele für Schönes These fotografierte Hennersdorf unter anderem in Freiberg: Während ca. die Hälfte der 132 Fotos sanierungsbedürftige Bauten in den Blick nehmen, wurden vor allem die Gebäude um den Marktplatz zumindest äußerlich im traditionellen Sinn renoviert. In Bischofswerda wurde die namensgebende Figur des Hotels „Goldener Engel“ 1993 wiederhergestellt, ebenso die figürliche Entsprechung der Gaststätte „Zur Sonne.“ (Abb. 10-12)
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Abb. 10: Blick über den Obermarkt zum 1993/94 renovierten Gasthaus „Ratskeller“ in Freiberg Foto: Jörg Hennersdorf, 27.09.1994 (ISGV, Bildarchiv, 013943). -
Abb. 11: 1993 erneute, namensgebende Figur des Hotels „Goldener Engel“ in Bischofswerda, Foto: Jörg Hennersdorf, 06.05.1995 (ISGV, Bildarchiv, 000484). -
Abb. 12: Detail an der Gaststätte „Zur Sonne“ in Bischofswerda, Foto: Jörg Hennersdorf, 06.05.1995 (ISGV, Bildarchiv, 000485).
Die 13.000 Fotografien verdeutlichen, dass die Umgestaltung der ländlichen Gebiete in Sachsen von Region zu Region stark divergierte und keineswegs als „Transformation des sächsischen Dorfes“ nach 1990 vereinheitlicht werden kann. Vielmehr offenbaren sie die Fragmentierung der Entwicklung: Während in den Pendlerdörfern des Elbtals oder den Tourismuszentren des Erzgebirges Gebäude wieder errichtet und historische Fassaden rekonstruiert wurden, dokumentierte die Kamera in abgelegeneren Regionen einen Prozess des ‚Absterbens‘ – den Rückzug von Infrastruktur, Handel und sozialem Leben.
Die baulichen Anpassungen sind Zeugnisse einer beschleunigten Mobilität und des Versuchs, in einer Zeit großer ökonomischer Unsicherheit einen individuellen Ort der Beständigkeit und des modernen Wohnkomforts zu schaffen. Die Umwidmung von Wirtschaftsgebäuden zu Wohnraum oder zu Garagen spiegelt den Bruch mit der Agrargesellschaft der DDR wider. Der Fotobestand „Veränderung der Wohn- und Wirtschaftsweise in sächsischen Dörfern und Kleinstädten“ konserviert den Moment, in dem die alte Ordnung bereits verschwunden, die neue Gestalt des Dorfes aber noch nicht vollends gefunden war.
Eine Folge der Reihe "12 Fundstücke zu Perspektiven volkskundlich-kulturanthropologischer Forschung in Sachsen"