Fundstück aus dem ISGV – im Mai 2026
Die Volkskunde im Kalten Krieg. Weshalb der für 1957 in Dresden geplante Volkskundekongress doch nicht stattfand
von Katrin Mai und Dieter Herz
Am 10. Juli 1956 richtete Wilhelm Fraenger (1890–1964) vom Institut für deutsche Volkskunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (DAW) ein Schreiben an Helmut Dölker (1904–1992), den Vorsitzenden des Verbands der Vereine für Volkskunde in Stuttgart. Darin berichtet Fraenger, dass die Vorbereitungen für den geplanten Volkskunde-Kongress im April 1957 in Dresden weit gediehen seien: Die Eröffnung inklusive Empfang durch den Oberbürgermeister solle im Rathaus stattfinden, für die Vorträge sei die Akademie der Künste auf der Brühlschen Terrasse eingeplant. Er selber biete den Vortrag „Jörg Rathgeb, ein Maler und Märtyrer des Bauernkriegs“ an, das Thema des Kollegen Friedrich Sieber vom Dresdner Volkskunde-Institut laute „Der Annaberger Bergaltar 1521“. Im Museum für sächsische Volkskunst sei eine Sonderausstellung zur „Volkskunst-Pflege im Erzgebirge“ geplant. Auch zwei Exkursionen hätten das Erzgebirge zum Ziel: In der Region Annaberg / Schneeberg gehe es um Bergbau und Schnitzen, in Freiberg und Seiffen um Bergbau und Spielzeug. Eine dritte Exkursion führe nach Meißen mit Albrechtsburg, Dom und Porzellan-Manufaktur. Am Schluss des Briefes bittet Fraenger, man möge bald die genauen Termine für die Kongress-Veranstaltungen mitteilen, damit die Reservierungen fest gebucht werden könnten, wie es die Dresdner Stadtverwaltung bereits angemahnt habe.
(ISGV, AIfV, AIfVK65M22).
Veranstalter des geplanten Kongresses war der Verband der Vereine für Volkskunde mit Sitz in Stuttgart; eingeladen hatte das Institut der DAW. Mit der Organisation vor Ort war das Dresdner Institut für Deutsche Volkskunde betraut, das seit Januar 1954 der DAW angegliedert war. Es hatte seine Räume im Ständehaus in der Augustusstraße. Und da man, wie es in einem Schreiben an die Haushaltsabteilung der Akademie hieß, den „westdeutschen und volksdemokratischen Gästen ein gut ausgestattetes und gut geordnetes und eingerichtetes Institut vorführen“ wolle, beantragte man in Berlin Mittel für Malerarbeiten und für die Anschaffung von Waschbecken, Stühlen, Gardinen und Vitrinen. Auch das Grab von Adolf Spamer (1883–-1953) auf dem Waldfriedhof im Stadtteil Weißer Hirsch sollte hergerichtet werden.
Am 7. Januar 1957 schrieb der Dresdner Volkskundler Karl-Ewald Fritzsch (1894–1974) nach Stuttgart und bedauerte, dass der von der DAW erbetene Ablaufplan immer noch nicht vorliege. Jetzt blieben bis zum Kongress noch knapp drei Monate, es sei wirklich Eile geboten, die Einladungen müssten nun rasch versendet werden. Auch auf dieses Schreiben kam keine Antwort aus Stuttgart. Weshalb Fritzsch zwei Wochen später einen Durchschlag seines Briefes hinterher schickte: „Da ich heute nach 16 Tagen immer noch ohne Antwort bin, muß ich fast annehmen, daß die Sendung nicht angekommen ist.“
Doch der Brief war nicht auf dem Postweg verloren gegangen, die. Die Stuttgarter Funkstille war vielmehr Ausdruck einer Hinhalte-Taktik. Der Volkskunde-Verband war sich unsicher, wie er mit der Einladung nach Dresden umgehen sollte. Die Beziehungen zwischen Ost und West verhärteten sich zunehmend, nicht nur auf politischem Parkett, auch in Kultur und Wissenschaft war Kalter Krieg angesagt. Er sorgte auch in der Volkskunde für kalte Füße.
Dass damals eine Organisation mit Sitz in Westdeutschland eine Tagung auf DDR-Gebiet plante, war durchaus ungewöhnlich. Die Konstellation war der Struktur des 1904 gegründeten Volkskunde-Verbandes geschuldet. Dieser hatte bis zu seiner Umstrukturierung im Jahr 1963 keine persönlichen Mitglieder, sondern war Dachverband für Vereine, Museen, Hochschul-Institute und andere volkskundlich orientierte Einrichtungen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er auf dem Territorium der nachmaligen DDR 21 kooperative Mitglieder; in den 1950er- Jahren waren es drei DDR-Einrichtungen: das „Zentralhaus für Volkskunst“ in Leipzig, das von Adolf Spamer gegründete Dresdner Institut für Deutsche Volkskunde und das Institut für deutsche Volkskunde der DAW, von dem die Einladung nach Dresden ausgegangen war.
Leiter des DAW-Instituts war Wolfgang Steinitz (1905–1967)), damals die führende Figur der DDR-Volkskunde. Der studierte Linguist war stellvertretender Direktor der Akademie, die dem Ministerrat der DDR unterstand. Steinitz hatte 1953 bei einer DAW-Tagung der Sektion für Völkerkunde und deutsche Volkskunde in einer Grundsatzrede Leitlinien für das Fach entwickelt: Er wies der Volkskunde einen Platz im ideologisch vorgegebenen Rahmen der Wissenschaftspolitik und in der sozialistischen Brauchpflege zu, wobei eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem Westen ausdrücklich gewollt war. So sah er etwa die Weiterarbeit am Atlas der deutschen Volkskunde als gesamtdeutsche Aufgabe. Seine Mitarbeiter Wilhelm Fraenger und Harry Schewe (1885–1963) gehörten dem Hauptausschuss des Volkskunde-Verbands an, der auch für die inhaltliche Ausrichtung der Kongresse zuständig war.
Der Verbandsvorsitzende Dölker, der in Stuttgart das Amt für Denkmalpflege und die Württembergische Landesstelle für Volkskunde leitete und einen Lehrauftrag am Volkskunde-Institut der Universität Tübingen hatte, vermochte den auf fachliche Zusammenarbeit gerichteten Ideen von Steinitz durchaus etwas abzugewinnen. Dieser hatte sich im Frühjahr 1952 zu Forschungszwecken im Freiburger Volksliedarchiv aufgehalten, hatte Dölker in Stuttgart besucht und für gemeinsame Projekte geworben. Ein Steinitz-Projekt, das im Westen nicht so gut ankam, war sein der Coup, John Meier (1864–1953), den Leiter des Freiburger Volksliedarchivs, für den Nationalpreis der DDR vorzuschlagen. Dölkers Verband entfaltete daraufhin hektische Aktivitäten und erreichte, dass Meier 1952 nicht nur in der DDR geehrt wurde, sondern auch das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland erhielt.
Die ausbalancierte Meier-Ehrung ist eine Randepisode im Wettbewerb der Systeme. Gravierender war der Dissens, der zwischen Ost und West hinsichtlich der „Volkskunde der Heimatvertriebenen“ bestand. Seit 1952 existierte dazu beim Verband eine Kommission, aus deren Reihen im selben Jahr beim Kongress in Passau zwei Referate gehalten wurden – zu einer Thematik also, die in der DDR mit einem Tabu belegt war. Steinitz hatte sich in der erwähnten Berliner Rede vehement gegen „die sog. Volkskunde der sog. Heimatvertriebenen“ gewandt, deren Bestrebung es sei, „die Umsiedler“ zum „Revisionismus, d. h. zur Rückeroberung ihrer ehemaligen Heimatgebiete, zum Krieg gegen Polen und die Tschechoslowakei aufzuhetzen“. In Passau hielt Steinitz mit seiner Einschätzung nicht hinterm Berg, was zu nicht minder emotionaler Gegenrede der westlichen Seite führte. Wobei es um mehr als eine fachliche Frage ging. Das Thema Heimatvertriebene war hochpolitisch und für den Verband auch deshalb brisant, weil seine diesbezüglichen Aktivitäten vom Bonner Ministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte finanziell gefördert wurden.
In Gesprächen mit Ministeriumsvertretern in Bonn stand Dölker unter Rechtfertigungszwang, versuchte den Verdacht auszuräumen, der Verband stehe unter Einfluss der Ost-Vertreter und biete mit Tagungen wie in Passau ein Podium für DDR-Propaganda. Die von Steinitz vertretenen Ansichten, versicherte Dölker, würden vom Verband keineswegs geteilt; er wolle den Kontakt zu ihm aber nicht abbrechen, um die Verbindung mit anderen Kollegen in der DDR nicht zu gefährden.
Was den Tagungsort Dresden betreffe, erläuterte Dölker bei einem Gespräch in Bonn, so habe man lange eine Einladung in die DDR verhindern können. Dass beim Kongress 1955 in Schleswig beschlossen worden sei, 1957 in Dresden zu tagen, sei zum einen dem Werben des Berliner Kollegen Fraenger zuzurechnen. Dieser habe nicht nur an das Zusammengehörigkeitsgefühl der Volkskundler dies- und jenseits der Zonengrenze appelliert, sondern auch die Bedeutung Dresdens für das Fach hervorgehoben: Unter anderem sei hier 1896 der Verein für sächsische Volkskunde gegründet und damit der Anstoß zur Gründung des dortigen Volkskunstmuseum gegeben worden. Mitentscheidend für das Votum pro Dresden sei aber auch der kurz zuvor erfolgte Besuch Kanzler Adenauers in Moskau gewesen, der zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion geführt und die Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen ermöglicht habe. Dies sei in der Öffentlichkeit bekanntlich als Zeichen für eine Annäherung zwischen West und Ost gesehen worden. So sei es zu erklären, dass Dresden bei der Abstimmung 17 Stimmen erhielt, obwohl von den 53 Stimmberechtigten nur fünf aus der DDR kamen. Die Konkurrenten Nürnberg, Dortmund, Mainz und Trier hätten völlig überraschend das Nachsehen gehabt.
Nachdem die Würfel für Dresden gefallen waren, machte sich der Hauptausschuss des Verbands am 6. Oktober 1956 bei einer Sitzung in Gießen an die Feinplanung des Kongresses, der vom 8. bis 12. April 1957 stattfinden sollte. Als unverfängliches Thema wurde „Volkskunst“ festgelegt. „Alles Politische“, ist im Protokoll vermerkt, „muss fortgelassen werden. Diskussionen sind eher abzubremsen.“ Auch die Liste der Referenten war austariert: Vorgesehen wurden zwei Vertreter aus dem Osten (Helmut Fraenger/Berlin und Friedrich Sieber/Dresden), zwei Westdeutsche (Joseph Maria Ritz/München und Erich Meier-Heisig/Nürnberg) sowie Hanns Koren aus Graz und Richard Weiß aus Zürich. Ein Merkblatt sollte Hinweise zu Einreise-Formalitäten, Geldumtausch sowie Ein- und Ausfuhr von Literatur geben.
Doch zögerte die Verbandsleitung weiter, die Einladungen zum Kongress zu versenden. Dann, knapp drei Wochen nach der Sitzung in Gießen, brach in Ungarn ein Volksaufstand aus, der blutig niedergeschlagen wurde. Die vermeintliche Tauwetterphase zwischen Ost und West war vorbei, und auch der Dresdner Kongress geriet unter die Räder. Im November 1956 sagte der als Referent eingeplante Richard Weiß (1907–1962) aus Zürich mit Verweis auf Ungarn seine Teilnahme ab. Die Ostberliner beklagten, dass damit der Kongress entgegen der Abmachungen ins Politische gezogen werde und schlugen als Ersatzmann den ungarischen Ethnographen Béla Gunda (1911–1994) vor, der über „Die Wohnstube als kultischer Raum“ referieren könne.
Eine Antwort aus Stuttgart blieb aus. Dort wurde hinter den Kulissen – sprich: ohne Beteiligung der Ost-Kollegen – die politische Wetterlage analysiert. Richtung DDR übte man sich in Hinhalte-Taktik – siehe oben. Auf die beiden Handlung anmahnenden Briefe Fritzschs vom 7. und 23. Januar antwortete Heinz Schmidt (1902–1971) der Geschäftsführer des Verbandes, am 25. Januar 1957 mit einem lapidaren Schreiben: Er bestätigte den Eingang der Briefe und ließ wissen, dass er aufgrund „äußerst starker anderweitiger, dringlicher Inanspruchnahme“ frühestens in einer Woche zu einer eingehenderen Antwort Zeit fände.
Fritzsch vom 25.01.1957 (ISGV, AIfV, o. Sign.).
Beendet wurde die Funkstille erst am 5. Februar 1957, und zwar auf kuriose Weise: Unter diesem Datum nämlich schrieb Dölker einen Brief an seine Kollegen Fraenger und Schewe in Berlin, in dem er ihnen mitteilte, dass der Kongress nicht stattfinden könne, da mit zu geringer Beteiligung zu rechnen sei. Dölker bedankte sich für die Vorarbeit und warb darum, „daß wir uns von Mensch zu Mensch nicht böse sein wollen wegen dieser Entwicklung der Dinge“. Doch der Absagebrief erreichte seine Adressaten nicht. Denn noch während das Dölker-Schreiben im Postausgangsfach des Verbands lag, ging in Stuttgart ein Telegramm aus Ostberlin ein: Wegen ernsthafter Erkrankung von Steinitz und aufgrund seines eigenen stark angegriffenen Gesundheitszustandes, teile Fraenger darin mit, müsse man den Dresdner Kongress leider absagen.
Dölker kassierte daraufhin seinen noch nicht verschickten Absagebrief nach Ostberlin. Wenige Tage später ließ Fraenger seinem Telegramm einen Brief an den Verband folgen. In ihm weist er zwar wiederum auf die besagten Krankheitsfälle hin. Letztlich ausschlaggebend für die Absage sei aber die „Behandlungsweise, die der Dresdner Kongreß seitens der Verbandsleitung erfahren“ habe, wodurch „eine erfreuliche Atmosphäre für das Dresdner Treffen kaum mehr zu erwarten war“. Doch gehe man davon aus, dass die Entscheidung für einen Kongress in Dresden weiterhin gelte und im nächsten Jahr umgesetzt werde.
Dresdner Kongresses (ISGV, AIfV, AIfVK65M22).
Diese demonstrativ bekundete Hoffnung findet sich auch in einer fingierten Todesanzeige im Postkartenformat, in der das Ende des Dresdner Kongresses sarkastisch verarbeitet wird. Ob die mit einem Sarg inklusive Trauerkranz geschmückte Annonce, die sich im Archiv des ISGV befindet, in Berlin oder Dresden entstand, lässt sich nicht sagen. Fakt ist aber, dass es 48 Jahre dauern sollte, bis es tatsächlich einen Volkskunde-Kongress in Dresden gab: Er fand vom 25. bis 28. September 2005 statt zum Thema „Grenzen und Differenzen. Zur Macht sozialer und kultureller Grenzziehungen“. Veranstalter war die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (die 1963 aus dem Verband der Vereine für Volkskunde hervorgegangen war), eingeladen hatte das ISGV, die Nachfolge-Einrichtung des einstigen Dresdner Instituts für deutsche Volkskunde.
Literaturhinweis:
Die Rekonstruktion der Ereignisse orientiert sich am Schriftverkehr der beteiligten Institutionen, publiziert in: Heike Müns (Hg.): „Das Problem der inneren Wiedervereinigung wird immer größer…“ Briefe, Dokumente und Referate zur volkskundlichen ‚‘Ostforschung‘ 1951–1962 (Bd.1), Marburg 1999. Ergänzend wurden im ISGV vorhandene Unterlagen beigezogen. Der erwähnte Vortrag von Wolfgang Steinitz „Die volkskundliche Arbeit in der Deutschen Demokratischen Republik“ ist veröffentlicht als Heft 1 der Sonderreihe zur Volkskunstforschung, hg. vom Zentralhaus für Laienkunst, Leipzig 1953.
In der geplanten Print-Version des vorliegenden Textes werden alle Zitate ordentlich nachgewiesen.
Eine Folge der Reihe "12 Fundstücke zu Perspektiven volkskundlich-kulturanthropologischer Forschung in Sachsen"