Fundstück aus dem ISGV – im März 2026

„Alle Gebiete der Volkskunde gleichmäßig pflegen”? Die Zeitschrift „Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde“ (1926–1943)

von Christoph Sauer

Frontcover der ersten Ausgabe der
Mitteldeutschen Blätter für Volkskunde
von 1926

Die Mitteldeutschen Blätter für Volkskunde (MBfV) waren in ihrer Erscheinungszeit eine überregionale wissenschaftliche Zeitschrift, die systematisch eine breite Palette volkskundlicher Themen abbilden sollte. Ihre ideologische Vereinnahmung im Sinne des Nationalsozialismus ist jedoch keineswegs auf die 1930er-Jahre beschränkt, sondern lässt sich bereits in den Jahren zuvor nachweisen. 

„In einer Zeit schwerer Not treten wir mit dieser neuen Zeitschrift an die Öffentlichkeit. Den Mut dazu schöpfen wir aus den Bestrebungen, die sich allenthalben in Deutschland bemerkbar machen, die Kenntnis von Volk und Heimat zu fördern und in Selbstbestimmung dem Urgrund deutschen Wesens nachzuspüren.“ Mit diesen Worten eröffneten die Herausgeber Fritz Krause (1881–1963), Paul Kröber (1881–1970) und Paul Zinck (1867–1941) die MBfV im Januar 1926. Im Kontext eines allgemeinen Krisenduktus, der sich offenbar auf die Sorge um Kenntnisse über Traditionen, Heimat und Volkstum bezog, wurde das programmatische Ziel der Zeitschrift primär in der Förderung einer nationalen Identität der deutschen Bevölkerung verortet.

Titelkopf und erster Aufsatz
„Zur Einführung“ von 1926 (MBfV 1 (1926), S. 1)

Viele ihrer Akteur:innen verstanden die Volkskunde in der Weimarer Republik im Kontext konservativer Sozialbewegungen und als praktische „Pflege- und Bewahrungspolitik“. Sie knüpften unter anderem an die Ideen der Heimatschutzbewegung an, die eine Stärkung nationaler Identitäten wie auch eine Romantisierung und Idealisierung von Natur und ländlichem Leben fokussierte. Es lässt sich nicht bestreiten, dass es Überschneidungen mit völkischen Bewegungen gab, die sich mit Fragen nach ‚Stammes- und Kulturräumen‘ sowie nach ‚Ursprung und Ursinn‘ befassten. 

Mit den MBfV wollten die Herausgeber ein Periodikum im ‚mitteldeutschen Raum‘ anbieten, das sowohl in akademischen Kreisen als auch bei Lehrer:innen und einer breiteren Öffentlichkeit Interesse für die Volkskunde und ihre Themen hervorrufen sollte. Dabei verstand sich die Zeitschrift nicht als rein wissenschaftliches, sondern auch als populärwissenschaftliches Medium. Sie sollte als „Mittlerer [...] zwischen den Volksgenossen [...] und den wissenschaftlichen Volkskundlern“ fungieren. 

Wer waren die Herausgeber der Zeitschrift und in welchem fachlichen Umfeld bewegten sich diese? Welcher inhaltliche Anspruch wurde umgesetzt? Wie verhielten sich die Akteure mit ihrer Zeitschrift bei politischen und gesellschaftlichen Zäsuren? Lassen sich dabei schwerpunktmäßige Verschiebungen etwaiger Forschungsthemen erkennen? 

Die Ausrichtung der MBfV wurde in ihren frühen Jahren maßgeblich durch ihre Herausgeber geprägt, insbesondere durch Fritz Krause, der als akademisch verankerter Völkerkundler der Zeitschrift seit Mitte der 1920er-Jahre einen überregionalen wissenschaftlichen Anspruch verlieh. Während Paul Kröber und Paul Zinck aus der pädagogischen Praxis heraus wirkten, zielte die Redaktion bereits vor 1930 auf eine institutionelle und thematische Öffnung über Leipzig hinaus. Dies zeigte sich in der Einbindung namhafter Mitwirkender wie Adolf Spamer (1883–1953), Alfred Wirth (1875–1965), Hans Hahne (1875–1935), Martin Freytag und Oskar Seyffert (1862–1940). Die überregionale Ausrichtung ist vor dem Hintergrund konkurrierender Vereinsstrukturen zu verstehen, insbesondere im Verhältnis zum Dresdner Verein für Sächsische Volkskunde um Adolf Spamer sowie zum Landesverein Sächsischer Heimatschutz, der ebenfalls volkskundliche Themen in seinen „Mitteilungen” veröffentlichte. Dennoch zeichnete sich eine zunehmende Dominanz sächsischer Akteure ab, die langfristig zu einer thematischen Verengung führte. 

Bereits vor der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten im Januar 1933 ist eine ideologische Befangenheit und Verstrickung der Volkskunde in völkische Theorien sowie nationalistische und nationalsozialistische Konzepte nachweisbar. Auch bei näherer Betrachtung der Herausgeber und Mitwirkenden der MBfV sind völkisch-nationale Gesinnungen erkennbar, die weit über eine nominelle Zugehörigkeit zur NSDAP hinausgingen:

Bekenntnis der Schriftleitung vom
Juli 1933 (MBfV 8 (1933), nach S. 108.)

1931 wurde der in Halle (Saale) forschende Mediziner und Prähistoriker Hans Hahne als Mitwirkender aufgenommen. Hahne wirkte ab 1921 als Professor für Vorgeschichte und ab 1933 als Rektor der Universität Halle (Saale). In seinen Forschungen und Theorien propagierte Hahne die ‚Volkheitskunde‘ als Beweis für die Kontinuität ‚nordischen Bluterbes‘ und setzte sich für eine völkische ‚Brauchtumserneuerung‘ im Sinne der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschaft‘ ein. Der NSDAP trat er bereits in den 1920er-Jahren bei und wurde später stellvertretender Gaukulturwart sowie Schulungsleiter für Rassenkunde des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS. 

Martin Wähler (1889–1953), Vertreter einer bürgerlich-nationalen, völkisch geprägten Volkskunde und ebenfalls 1931 in die MBfV aufgenommen, arbeitete aktiv durch seine Stammes- und Volkscharakterologie an der Verbreitung einer nationalsozialistischen ‚Volkstumsideologie‘ mit und trug maßgeblich durch Schaffung einer dauerhaften ‚deutschen Rassenseele‘ zum Antisemitismus und zur rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten bei, indem er unter anderem Alfred Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ verstärkte. 

Im Juni 1933 bekannte sich die Schriftleitung in Personalunion mit dem Sächsischen Verband für Volkskunde offiziell zur „Staatsführung des Volkskanzlers Adolf Hitler”. Damit bekundeten sie ihre Loyalität gegenüber dem NS-Staat und ihr Bestreben zum „Gemeinwohl des Deutschen Volkes“.

Der zehnte Jahrgang der MBfV brachte tiefgreifende Veränderungen mit sich. Ab 1935 erfolgte die Herausgabe der Zeitschrift durch die Landesstelle für Volksforschung und Volkstumspflege im Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) des Gauverbandes Sachsen. Karl-Ewald Fritzsch (1894–1974), ein Schüler Adolf Spamers, wurde 1933 mit der Leitung der Landesstelle beauftragt, die er in enger Zusammenarbeit mit diesem aufbaute und als Organisation für sächsische Lehrkräfte ausrichtete, um Brauchtumserzeugnisse wie auch altgermanisches Kulturgut zu sammeln, Brauchtumspflege aktiv zu betreiben und neues Brauchtum zu begründen.

Seite des Fotoalbums von Karl-Ewald Fritzsch
mit einer Spamer‘schen Exkursionsgruppe
in Sebnitz und Schneeberg mit
Fritzsch als Student von 1927/1928
(SLUB, Mscr.Dresd.App.Fritzsch, Kapsel 1)

Forschungsabsichten sowie deren Ergebnisse wurden unter anderem in den MBfV veröffentlicht und sollten sich sowohl im Schulunterricht als auch in der Erziehung widerspiegeln. Die administrative Änderung implizierte nicht nur die Verlagerung der Redaktion der Zeitschrift von Leipzig nach Dresden, sondern auch die Bildung eines gänzlich neuen Herausgeberkreises, der in institutioneller Hinsicht fest an NS-Parteistrukturen gebunden war und aus Fritzsch, Spamer und Bruno Schier (1902–1984) bestand. Gleichzeitig fungierte die Zeitschrift als offizielles, amtliches Organ der Gaufachstelle für Volkskunde, ein gleichgeschalteter Nachfolger des Sächsischen Verbands für Volkskunde. Gerade Schiers Ostforschung zu Kontaktzonen deutscher und slawischer Siedlungsgebiete prägte die völkische Volkskunde, die er als ‚völkische Leitwissenschaft‘ in Verbindung mit der Ur- und Frühgeschichte verstand. In Personalunion wirkte er als Sachbearbeiter für Volkskunde im Stabsamt des Reichsbauernführers und war im Amt Rosenberg aktiv an der Mitgestaltung der NS-Ideologie beteiligt. 

Durch Spamers Berufung an die Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin 1936 baute Emil Lehmann (1880–1964) seinen Einfluss aus und ersetzte Spamer ab 1939 als Herausgeber. Zeitgleich übernahm das Landesarchiv für Volksforschung in Verbindung mit dem Heimatwerk Sachsen die Herausgabe der Zeitschrift, womit eine enge Verbindung zum Nationalsozialistischen Lehrerbund sowie zur sächsischen Staatskanzlei entstand. Gerade das Heimatwerk als propagandistisch tätiger Gaukulturverein widmete sich früh der ‚Volkstumspflege‘ und richtete Fachreferate wie „Wissenschaft und Volkskunde“ sowie „Volkstumspflege“ ein, um auch die regional-kulturellen Aktivitäten zu kontrollieren. Die MBfV fungierten somit ebenso als Publikationsinstrument des Heimatwerks. Lehmann, der als Honorarprofessor an der Hochschule für Lehrerbildung und ab 1943 an der Lehrerbildungsanstalt der TH Dresden tätig war, wurde von Fritzsch als „völkischer Kämpfer“ charakterisiert. In der Tschechoslowakei wurde Lehmann nach eigenen Angaben aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP ‚verfolgt‘. Als sudetendeutscher Volkskundler widmete sich Lehmann primär der Ostforschung und trug, ähnlich wie Schier, zur Etablierung der völkischen Volkskunde in Sachsen bei. Mit der Übernahme des neuen Herausgeberdreigespanns verloren die bis dahin involvierten Mitwirkenden wohl an Einfluss, worauf eine zunehmende Fokussierung auf Sachsen und eine regionale Verengung der Themen hindeutet. 

Spätestens ab 1933 wurden dezidiert ideologisierte Themen in den MBfV veröffentlicht, wobei einige Akteure die Zeitschrift als Plattform nutzten, um ihre politischen Ansichten in pseudowissenschaftlichen Aufsätzen zu verbreiten. So veröffentlichte Wähler 1936 einen Beitrag mit dem Titel „Bild und Sinnbild bei den Thüringern“, in dem er diese zunächst als ‚Erlebnismacht‘ „von einer inneren[,] ‚unaussprechlich‘ erscheinenden Bedeutung“ definierte, diese willkürlich deutete und als wichtiges Fundament für eine ‚völkische Erneuerung‘ darstellte. 

Auch die rassistische, agrarpolitische Weltanschauung der Blut-und-Boden-Ideologie wurde mit volkskundlichen Konzepten assoziiert, wie Arno Waltz in seinem Beitrag über den „vogtländischen Volksschlag“ darlegt oder Bruno Schier durch seine „Böhmisch-Sächsische Studien“ zur Verbreitung und Etablierung der „Lebensraumerweiterung im Osten“ beitrug und damit den ideologischen Hintergrund der NS-Ostpolitik unterstützte. Während des Zweiten Weltkriegs reagierten die Herausgeber auch auf politisch-gesellschaftliche Veränderungen und räumten dem reichsweit publizierenden NS-Propagandisten Gerhard Pallmann (1906–1957) einen Platz für einen Beitrag über Soldatenlieder ein. Auch Arbeiten von Fritzsch befassten sich mit einer ‚Soldatenvolkskunde‘, die den Alltag der Wehrmachtssoldaten zu erforschen versuchte. 

Aufgrund der Ressourcenknappheit wurde die Zeitschrift ab 1943 nur noch zweimal jährlich herausgegeben. Daraus resultierte erneut eine Einschränkung der Themenvielfalt; nur noch allgemeinere Beiträge über Trachten und Dorfkultur wurden veröffentlicht. Das letzte Doppelheft erschien im Dezember 1943 vermutlich unter alleiniger redaktioneller Verantwortung von Lehmann und Fritzsch, da Schier ein Jahr zuvor einem Ruf der Universität Bratislava gefolgt war. 

Die thematische Entwicklung der MBfV unter den ab 1935 verantwortlichen Herausgebern Fritzsch, Schier und Spamer bzw. Lehmann wurde bereits durch die ersten Herausgeber Kröber, Zinck und Krause in der Weimarer Republik vorbereitet. Die (populär-)wissenschaftlichen Aufsätze, die trotz ihres volkskundlichen Anspruches von Konservatismus und ‚Heimatsehnsucht‘ geprägt waren, sollten eine breite Öffentlichkeit erreichen: insbesondere Heimatforscher, die Lehrerschaft wie auch Studierende der Volkskunde. Die Herausgeber schufen bewusst Raum für Themen, die mitunter nationalen wie auch völkischen Gesinnungen entsprachen. Zunehmend bezogen sich die Inhalte auf den Gau Sachsen sowie dessen Grenzregionen, wodurch – entgegen der ursprünglichen Ausrichtung – nicht mehr alle sowohl mitteldeutschen als auch thematischen Gebiete gleichermaßen ‚gepflegt‘ wurden. Gleichzeitig waren sich alle Herausgeber der rassistischen und antisemitischen Haltung vieler beteiligter Akteure wohl bewusst und entschieden sich aktiv, diese in die Zeitschrift einzubeziehen. Die MBfV sind daher auch als ein Nährboden für nationalsozialistische Ideen und deren theoretische Weiterführung wie auch als Plattform für Vertreter einer völkisch geprägten Volkskunde zu verstehen. Gerade vor diesem Hintergrund sollte betont werden, dass nicht jene ‚Nationalsozialisten‘ die Zeitschrift im Sinne eines Top-down-Prozesses instrumentalisierten, sondern vielmehr die Herausgeber sowie Akteure die MBfV – insbesondere gegenüber der Lehrerschaft – als aggregatives Verbreitungsmedium völkischer und nationalsozialistischer Theorien unter dem Deckmantel eines wissenschaftlichen Periodikums proaktiv in den Dienst des NS-Regimes stellten. 

Eine Wiederauflage der Zeitschrift gab es nach 1945 nicht. Erst in den 1950er-Jahren erschien mit der Zeitschrift „Mitteilungen des Landesamtes für Volkskunde und Denkmalpflege“ ein Medium aus dem neuen Institut für Volkskunde (Dresden), das in der Person von Karl-Ewald Fritzsch zunächst durch personelle Kontinuitäten geprägt war. 

 

Empfehlung: 

Sukzessiv werden alle Jahrgänge der MBfV seit 2025 im Rahmen des Landesdigitalisierungsprogramms Sachsen von der SLUB digitalisiert. Diese sind unter der folgenden Website abrufbar: https://katalog.slub-dresden.de/id/0-1757006060 

Zurück