Fundstück aus dem ISGV – im Juni 2026

Eine „eng verwandte Teildisziplin der Geschichtswissenschaft“? Die Akademiereform von 1969/70 und ihre Folgen für die Volkskunde

von Sönke Friedreich

1973 erschien der erste Band des Jahrbuchs für Volkskunde und Kulturgeschichte. Es folgte dem 1969 eingestellten Deutschen Jahrbuch für Volkskunde nach, das seit 1955 das zentrale Publikationsorgan der Fachdisziplin in der DDR gewesen war. Zum Erscheinen veröffentlichten die Herausgeber Helmut Bock (1928–2013), Wolfgang Jacobeit (1921–2018), Hermann Strobach (1925–2018) und Bernhard Weißel ein kurzes Geleitwort, in dem sie das Anliegen der Publikation erläuterten. Das Jahrbuch solle „Ausdruck einer tiefgreifenden Erneuerung der volkskundlichen Wissenschaft im Akademie-Bereich“ sein. Der neue Titel habe eine „tiefere Bedeutung“, da Volkskunde und Kulturgeschichte „zwei eng verwandte Teildisziplinen der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft“ seien. Ihr Gegenstand sei die „Geschichte von Kultur und Lebensweise“: „Im Sinne der Leninschen Lehre von den zwei Kulturen in jeder Klassengesellschaft konzentriert sich die Volkskunde dabei auf die werktätigen Klassen und Schichten, und die Kulturgeschichte widmet sich der Untersuchung des Gesamtbereichs der Kultur in den verschiedenen Epochen und Gesellschaftsformationen. Diese programmatische Erklärung gab nicht nur den Rahmen für die weitere Entwicklung des Jahrbuchs bis zum Untergang der DDR vor, sie war auch der vorläufige Abschluss eines jahrelangen Prozesses, in dessen Folge die Volkskunde in Ostdeutschland (und damit auch in Sachsen) eine neue Ausrichtung und ideologische Verbrämung erhielt. 

Titelblatt des „Jahrbuchs für Volkskunde
und Kulturgeschichte“, 16. Band,
Neue Folge 1, 1973.

Seit 1954 gehörte das von Adolf Spamer gegründete und nach dessen Tod von Friedrich Sieber (1893–1973) geleitete Institut für Volkskunde als Arbeitsstelle Dresden dem Institut für deutsche Volkskunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften an, dessen Leiter Wolfgang Steinitz (1905–1967) war. Obwohl es nicht zur Einrichtung eines entsprechenden Lehrstuhls in Sachsen kam, hatte die Volkskunde damit ihre akademische Verankerung in der Region wiedererlangt und konnte sich ihren Themen mit regionalem Fokus widmen. Dazu gehörten etwa die Bergbaukultur, Trachten, Keramik und bildnerische Volkskunst. Sieber selbst arbeitete zur Erzählforschung, Frühlingsbräuchen und ländlichem Mobiliar. 

Friedrich Sieber (aus: Manfred Seifert/Ira Spieker,
Volkskunde in Sachsen – Zur Entwicklung einer
kulturwissenschaftlichen Disziplin im regionalen
Kontext, in: Institut für Sächsische Geschichte und
Volkskunde 1997–2017, hg. v. ISGV,
Dresden 2017, S. 47-65, hier S. 58).

Steinitz wiederum begründete die marxistische Volkskunde an der Akademie, was eine Fokussierung auf das vormoderne „werktätige Volk“ als Träger der Volkskultur bedeutete, insbesondere Bauern und Handwerker. Aufgrund seiner Tätigkeit als Finnougrist an der Humboldt-Universität konzentrierte er sich vorwiegend auf die mündlichen Überlieferungen wie Märchen, Sagen und Lieder. 

War die Volkskunde in der DDR somit an klassischen Themen des Fach-Kanons ausgerichtet (wenn auch unter dem Vorzeichen des Marxismus) und nicht zuletzt romantisch geprägten Vorstellungen einer vorindustriellen Volkskultur verpflichtet, so änderten sich mit dem Beginn der 1960er-Jahre allmählich die inhaltlichen Schwerpunkte und äußeren Bedingungen. Zunächst bildete sich unter Paul Nedo (1908–1984) und Wolfgang Jacobeit eine neue Strömung aus, die die volkskundlichen Themen stärker an die Gegenwart heranführen und dabei auch die Industriearbeiterschaft und das Proletariat berücksichtigt wissen wollte. Mit dem Begriff der „Lebensweise“ wurde zudem eine Fokussierung auf eine ganzheitliche Sichtweise sozial bedingter menschlicher Kultur vorgenommen, die von der Behandlung einzelner Gegenstandsbereiche kultureller Objektivationen wegführte. Wissenschaftspolitisch geriet das Akademie-Institut gleichfalls unter Druck, da die volkskundlichen Arbeiten der 1950er-Jahre zunehmend als anachronistisch und zu unpolitisch galten. Hinzu kam, dass die Akademie insgesamt stärker für die Indienstnahme des Sozialismus genutzt und ihre gesamtdeutsche Orientierung aufgegeben werden sollte. 

Letztlich waren es weniger inhaltliche Fragen, sondern politisch-ideologische Interessen, die zum entscheidenden Einschnitt der Akademiereform von 1969/70 führten. Die SED verfolgte das Ziel, die Gelehrtenwelt der Deutschen Akademie der Wissenschaften stärker in den politischen Dienst zu stellen: „Mit der Straffung der Strukturen der Akademie sollte die wissenschaftliche Arbeit effektiver im Sinne der Partei gestaltet werden.“ Das Institut für deutsche Volkskunde, nach Steinitz‘ Tod 1967 nur kommissarisch geleitet, wurde als Wissenschaftsbereich Volkskunde/Kulturgeschichte dem neugeschaffenen Zentralinstitut für Geschichte eingegliedert und damit den Geschichtswissenschaften untergeordnet. Mit Bernhard Weißel übernahm ein Historiker die Leitung des Wissenschaftsbereiches. Schon 1969 war das Deutsche Jahrbuch für Volkskunde zunächst wegen ‚bürgerlicher‘ Tendenzen und prinzipieller Offenheit gegenüber dem Westen heftig kritisiert und dann eingestellt worden; die Jahrgänge 1970–72 konnten nicht erscheinen. Die Volkskunde verlor ihre institutionelle Autonomie ebenso wie ihren gesamtdeutschen Anspruch und musste sich fortan stark den geschichtsphilosophischen Maximen der DDR-Geschichtsschreibung anpassen.

Türschild des Wissenschaftsbereichs Volkskunde/
Kulturgeschichte, Außenstelle Dresden
(Foto: S. Friedreich, ISGV).

Mit der Umstrukturierung des Instituts war allerdings keine völlige Neuaufstellung des Personals verbunden. Zwar bestimmten nun Historiker wie Weißel und Bock die Richtlinien, die Mitarbeiter:innen blieben ansonsten jedoch die gleichen. In Dresden behielt Rudolf Weinhold (1925–2003), den Steinitz 1962 zum Leiter der Arbeitsstelle berufen hatte, seine leitende Position, ebenso wie seine Mitarbeiter:innen Brigitte Emmrich (1940–2009), Siegfried Kube (1915–1990), Rudolf Quietzsch (1936–2020), Bernd Schöne (1940–2009) und Helmut Wilsdorf (1912–1996) auf ihren Stellen verblieben. Tatsächlich veränderte sich in der täglichen Forschungsarbeit der Dresdner:innen nur wenig, hatten diese doch schon zuvor hauptsächlich mit historischen Quellen gearbeitet. Dennoch sprach Weinhold im Rückblick in einem Interview (1998) von „Traditionsbrüchen in unserer Arbeit“ als Folge der Umstrukturierung. Die Wissenschaftler:innen mussten nunmehr dem politischen Druck insofern Tribut zollen, als sie ihre Texte stärker als zuvor auf Parteilinie zu bringen und in den Jargon des Historischen Materialismus zu kleiden hatten. Die Umsetzung des erstmals von Nedo entwickelten, von Jacobeit bereits seit 1967 in die volkskundliche Lehre eingebrachten Konzeptes der Kultur und Lebensweise gestaltete sich in Dresden zwar unproblematisch, doch war es nun nicht mehr möglich, theoretische oder methodische Anregungen aus dem Westen aufzunehmen. Nach Aussage von Weinhold entstand als Folge der Akademiereform somit eine „methodologische Lücke von etwa 20 Jahren“. 

Tatsächlich machte sich die Leitung des Zentralinstituts für Geschichte die wissenschaftliche Ausrichtung der Dresdner Forscher:innen und ihre Wissensbestände zunutze, indem sie Weinhold die Leitung der Arbeitsgruppe „Erforschung von Kultur und Lebensweise werktätiger Klassen und Schichten in der Übergangsperiode vom Feudalismus zum Kapitalismus“ übertrug, die sich auf die Epoche zwischen circa 1650 und 1830 konzentrierte. Diese Arbeitsgruppe wurde zugleich verpflichtet, an dem umfassenden, mehrbändigen Vorhaben „Geschichte des deutschen Volkes“ mitzuarbeiten. 1972 legten die Volkskundler:innen ihre Forschungsergebnisse unter dem Titel „Zur Geschichte der Kultur und Lebensweise der werktätigen Klassen und Schichten des deutschen Volkes vom 11. Jahrhundert bis 1945. Ein Abriss“ vor, an dem unter der Leitung von Weißel, Jacobeit und Strobach nicht weniger als 29 Personen mitgearbeitet hatten – fast sämtliche Fachvertreter:innen der Akademie. Der Text, in broschierter Form in der Reihe der Wissenschaftlichen Mitteilungen der Deutschen Historiker-Gesellschaft erschienen, ist vor allem ein Zeugnis der erzwungenen Unterordnung und dokumentiert – wie Weinhold im Rückblick meinte –, dass „die Volkskunde einem Austrocknungsprozess unterlag“. 

Trotz dieser für eine eigenständige Fachidentität unzuträglichen Entwicklung blieben die Mitarbeiter:innen des Akademieinstituts auch in den 1970er- und 1980er-Jahren produktiv. Eine zentrale Person dieser Zeit war Hermann Strobach, der bei Steinitz zu einem Thema der volkskundlichen Liedforschung promoviert hatte und bis zu seiner Einstellung das Deutsche Jahrbuch für Volkskunde herausgegeben hatte. Obwohl er mit seiner eher altmodischen Fachauffassung im Zuge der Akademiereform in die Kritik geriet, konnte Strobach sich behaupten, wurde 1971 zum Leiter der Abteilung „Feudalismus“ im Wissenschaftsbereich und übernahm 1979 schließlich als Nachfolger von Weißel die Gesamtleitung. Strobach gab 1975 den Band „Der arm man 1525“ zum Jubiläumsjahr des Bauernkrieges heraus, an dem aus Dresden die Kolleg:innen Brigitte Emmrich, Alfred Fiedler (1903–1983) Rudolf Quietzsch, Friedrich Sieber, Rudolf Weinhold und Helmut Wilsdorf beteiligt waren. Zudem begutachtete er 1979 den von der Außenstelle vorgelegten Sammelband „Volksleben zwischen Zunft und Fabrik“ und empfahl diesen zum Druck.

Aus heutiger Sicht bildet das von Weinhold herausgegebene „Volksleben“ die Essenz der volkskundlichen Forschung in Dresden bis 1989 ab. Die Beiträge sind vor allem sozialhistorisch informiert (etwa Schönes Aufsatz über das Textilgewerbe im Erzgebirge und Vogtland und Kubes Text über städtische Arbeiter und Handwerker in Dresden), fokussieren die materiell-technische Kultur (im Beitrag von Quietzsch über bäuerliches Gerät im Altenburger Land) oder nehmen revolutionäre Äußerungen in der Sattelzeit in den Blick (in Emmrichs Aufsatz). Ihr Wert liegt in einer quellengesättigten Diskussion von Volkskultur vor 1850, die aufgrund ihres Bezuges auf das kursächsische Gebiet für historisch ausgerichtete regionale Studien bis heute Anknüpfungspunkte bietet – wie schon ein Rezensent in der Zeitschrift für Volkskunde 1985/86 zutreffend feststellte. Vor allem aber zeigt der Band heute die spezifische Ausprägung der Akademie-Volkskunde der DDR der 1970er- und 1980er-Jahre und ist damit ein wissenschaftsgeschichtliches Zeugnis für die Volkskunde in Sachsen. 

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