Fundstück aus dem ISGV – im Juli 2026

Das Ländliche im Bild. Fotografische Erfassung ruraler Umwelten in der DDR

von Marsina Noll

Wohnstallgebäude der „untere Winzer“ Nr. 23,
 Nieschütz, 1968, Foto: Kurt Schöne (ISGV, 
BiD, Mappe „Nieschütz“; Bildarchiv, 070696).  

Ein zentrales Betätigungsfeld der Volkskunde in den 1960er-Jahren war die fotografische und dokumentarische Erfassung des ländlichen Raums. Zwischen 1962 und 1970 wurde durch den Kulturbund der DDR und die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin eine umfangreiche Fragebogenaktion „zur Erfassung historischer Siedlungen und Bauten auf dem Lande“ durchgeführt. Ziel war die Erhebung möglichst umfänglicher Informationen über den Bestand historischer Bausubstanz und ihrer denkmalpflegerischen Relevanz. Zugleich sollte Datenmaterial für künftige Forschungen generiert und die Nutzungsmöglichkeit alter Bausubstanz geprüft werden. Die Akten und Unterlagen der im heutigen Freistaat Sachsen vorgenommenen Erhebung werden im Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) verwahrt. 

Sieben Jahre nach Kriegsende begann in der DDR die Umgestaltung der Landwirtschaft nach sowjetischem Vorbild, was auch gravierende bauliche Veränderungen in den Dörfern befürchten ließ. Mittels Fragebögen, Bauplänen und Fotografien erhofften sich die Initiator:innen der Erhebung, etwas von dem historischen Ortsbild bewahren zu können, ohne dem sozialistischen Fortschrittsgedanken im Weg zu stehen. Der bislang nur in Teilen erschlossene, äußerst heterogene Bestand illustriert nicht nur den Ist-Zustand des ländlichen Raums zwischen 1961 und 1970, sondern auch die politisch-ideologische Instrumentalisierung der Volkskunde in der DDR.

Alte Bauten im neuen Dorf – Erfassung historischer Siedlungen auf dem Lande 

Mit der Kampagne „Sozialistischer Frühling auf dem Lande“ begann 1952 die Kollektivierung der Landwirtschaft auf dem Gebiet der DDR. Häufig unter Zwang wurden die bis dahin privaten und familienbetriebenen Bauernhöfe zu genossenschaftlichen Großbetrieben umgewandelt. Mit der Bildung sogenannter Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) sollte die Agrarwirtschaft nach sowjetischem Vorbild industriell ausgebaut und modernisiert werden. Altbauten wurden abgebrochen oder stillgelegt, erste Wohngebäude in Plattenbauweise ebenso errichtet wie große Viehzuchtbetriebe und riesige Lagerhallen. 

Die aus der sozialistischen Umgestaltung resultierenden Veränderungen des ländlichen Raums wurden auch in wissenschaftlichen Fachkreisen intensiv diskutiert. Man befürchtete eine so gravierende Neuordnung der historisch gewachsenen, lokalen Strukturen, dass eine Rekonstruktion der früheren Ortsgestalt nicht mehr möglich sei. Vor diesem Hintergrund konstituierte sich eine Zentrale Kommission des Deutschen Kulturbundes. Der Kulturbund fungierte in der DDR als Dachorganisation, die jegliche Formen kultureller Arbeit auf regionaler und nationaler Ebene koordinierte. Unter Beteiligung der Fachbereiche Volkskunde, Geschichtswissenschaften, Architektur, Landschaftsplanung, Heimatpflege und Denkmalschutz sollte eine groß angelegte denkmalpflegerische Inventarisierung des ländlichen Raums erfolgen. Hierzu wurden zwei unterschiedliche Fragebogentypen konzipiert: Typ I, das Ortskarteiblatt, erfasste allgemeine Informationen zu Struktur und Geschichte des jeweiligen Ortes. Typ II, „Haus und Hof, Einzelbauwerke, Gebäudeteile, widmete sich spezifischen Gehöften und Wohnbauten.

Da die Transformation der Landwirtschaft seit 1952 stetig voranschritt, sahen sich die Initiator:innen der Erhebung mit der Herausforderung konfrontiert, ein großflächiges Gebiet in kurzer Zeit dokumentieren zu müssen. Daher sollten Mitarbeiter:innen aus der Bevölkerung gewonnen werden, um zumindest eine „Grobinventarisierung“ der historischen Gebäude zu gewährleisten. Der Kulturbund gab hierzu eine Broschüre heraus, die neben einer Einführung in die Hausforschung auch Instruktionen zur Gebäudeerfassung enthielt. Zudem wurden in der Schule des Deutschen Kulturbundes in Oybin Seminare durchgeführt, um Laien auf die Durchführung der Aktion vorzubereiten. Auf sächsischem Gebiet wurden schließlich insgesamt 112 Orte erfasst. Die Akten umfassen heute 87 Fragebögen des Typ I, 123 Fragebögen des Typ II, 300 Baupläne, 75 Handskizzen sowie 850 Fotografien.

Eine weitere Überlieferung der Aktion befindet sich im Archiv der Berlin-Brandenburgischen Landesstelle für Alltagskultur. Die dort vorhandenen Unterlagen umfassen Erhebungen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen. Neben den Ortsdokumentationen finden sich hier auch Korrespondenzen und Protokolle des Arbeitskreises „Haus und Siedlungsforschung. Dieser war ein Jahr vor Beginn der Kampagne ins Leben gerufen worden und fungierte als Initiator der Studie. Weiterhin belegen die Berliner Unterlagen, dass die Aktion nicht als zeitlich begrenzte Erfassungsaktion, sondern als Langzeitprojekt geplant war. Ziel sollte ein mehrbändiger, wissenschaftlich fundierter Überblick über die Geschichte des volkskundlichen Bauens und Wohnens der letzten 1.000 Jahre sein. 

Zwischen Dokumentation und Rekonstruktion: Beispiele aus den Bildprogrammen der Mitwirkenden

Der zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren angelegte Quellenbestand ist äußerst heterogen: Wie ausführlich einzelne Objekte beschrieben, wie intensiv die Nachforschungen vor Ort betrieben, wie viele Fotografien, Baupläne und Zeichnungen angefertigt wurden, oblag den Interessen und Fähigkeiten der Mitwirkenden. Die Entscheidung darüber, welche Gebäude und Orte sie dokumentierten, wurde rein subjektiv getroffen, die angelegten Kriterien hingegen nur selten reflektiert.   

Eine Ausnahme bildet der landwirtschaftliche Berater Helmut Meyer, der sich zum Zeitpunkt der Erhebung bereits im Ruhestand befand. Er war mit Abstand der aktivste Mitwirkende der sächsischen Aktion und erfasste nahezu sämtliche Dörfer in einem 15-Kilometer-Radius um die vogtländische Stadt Plauen. Von den insgesamt 1.250 Bilddokumenten in den Dresdner Unterlagen stammen 269 von ihm. Meyers Interesse galt vor allem denkmalpflegerischen Aspekten. Sein Vorgehen war äußerst akribisch und gründlich: Er sprach mit Akteur:innen vor Ort, suchte in Archiven nach weiteren Informationen und korrespondierte mit den Initiator:innen der Erhebungen. Sein Wunsch nach Erhalt historischer Gebäude scheint sich vor allem auf das Ortsbild insgesamt gerichtet zu haben. Während andere Bearbeiter:innen häufig nur den Fragebogen II zur Gebäudeerfassung ausfüllten, bearbeitete Helmut Meyer auch das Ortskarteiblatt mit der ihm eigenen Akribie; jeder Ort wurde mit mindestens zwei Fotografien dokumentiert, häufig nahm er auch weitere Bauten im Ort auf, ohne sie jedoch näher zu beschreiben.

Gänzlich anders gelagert sind die Bildbeiträge von Oskar Beyer: Er konzentrierte sich vorwiegend auf das einzelne Gebäude. In seinen Einreichungen finden sich einige Fotos, der Schwerpunkt liegt allerdings auf von ihm selbst gezeichneten Plänen, Skizzen und Aufmaßen. Das besondere an einigen der Zeichnungen des pensionierten Architekten ist ihr rekonstruktiver Charakter: Insbesondere abbruchreife oder im Umbau befindlichen Anlagen weckten sein Interesse und er fertigte Zeichnungen an, die den Zustand vor den Veränderungsmaßnahmen dokumentieren sollten.

Die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Schwerpunktsetzungen der beiden Mitwirkenden lassen sich möglicherweise dadurch erklären, dass trotz der vielen Vorgaben zur Erschließungspraxis und Rechercheanforderungen an keiner Stelle klar definiert wurde, was überhaupt unter ‚schützenswertoder ‚denkmalwürdigzu verstehen war. Im Aufruf zur „Erfassung historischer Bauten und Siedlungen auf dem Lande“ berief man sich auf die Mitwirkenden aus den Dörfern selbst, die am besten wissen müssten, welchen Gebäuden Dokumentationswert beizumessen sei. 

Baukultur und Klassenbewusstsein: Freilichtmuseen als methodischer Ankerpunkt der Erhebungsaktion

„Forscher im Feld Schwerin“, Mai/Juni 1965,
Foto: Serafim Polenz (Institut für Europäische
Ethnologie Berlin, BI 2513-01be). 

Wesentlich für das Verständnis des gesamten Vorhabens ist die in der DDR dominierende Geschichtsauffassung des Historischen Materialismus nach Karl Marx. Das Materialistische im Sinne von Kapital ist das Kernelement dieser Theorie. Man unterscheidet zwischen Produktivkräften (Arbeit, Mensch und Technik) und Produktivverhältnissen (Besitz- und Eigentumsverhältnisse, soziale Strukturen). Nach der Logik des Historischen Materialismus befinden sich die Produktivkräfte im Nachteil, bis es zum Klassenkampf kommt, der das System umwirft. Geschichte wird somit als eine Abfolge solcher Kämpfe definiert. Man ging also davon aus, dass die Betrachtung der Sachkultur (Arbeitsgeräte, Behausungen) Rückschlüsse auf die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse zuließ. Das Projekt „Alte Bauten im neuen Dorf“ diente somit nicht nur der Dokumentation gefährdeter Substanz, ihre Ergebnisse sollten auch dazu beitragen, die sozialistische Ordnung historisch zu legitimieren.  

Dieser Zusammenhang ist für die Neupositionierung der Volkskunde nach 1945 entscheidend. Nach ihrer Instrumentalisierung im Nationalsozialismus sollte die DDR-Volkskunde nun zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft beitragen.

„Forscher im Feld“, um 1960, Foto: unbekannt
(Institut für Europäische Ethnologie Berlin,
BI 2513-01da). 

Der ideologische Anspruch, an der Erziehung der sozialistischer Bürger:innen mitzuwirken, manifestierte sich besonders in der Planung von Freilichtmuseen. Sie sollten charakteristische Gebäude zeigen, die gesamtgesellschaftliche Zustände und sozioökonomische Lebensgrundlagen erklärbar machten. Ein Schwerpunkt lag hier auf der Darstellung konkreter Lebensbedingungen früherer Epochen, um zur ideologischen und historischen Bewusstseinsbildung in der DDR beizutragen. Die Akribie der Bauaufnahmen spricht dafür, dass die Daten als Grundlage für museale Laboratorien“ dienen sollten, die wiederum der Bevölkerung ihre Geschichte als eine von Arbeit und Entbehrung vor Augen geführt hätten. 

In den visuellen Quellen offenbart sich ein Spannungsfeld zwischen individuellem Interesse und politischer Deutungshoheit. Während Ortsaufnahmen teils noch „Heimatidylle“ suggerierten, lag die Definitionsmacht bei den Institutionen. Es entstand ein Landschaftsbild, das mit der sozialistischen Ideologie korrespondierte. Landschaft wurde als Ort des Wirtschaftens und als Sinnbild des Triumphs der Werktätigen über die Natur verstanden. 

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