Fundstück aus dem ISGV – im Januar 2026

„Alte Stadt“ und Volkstrachten. Zur Vorgeschichte der institutionalisierten Volkskunde in Sachsen

von Sönke Friedreich

Dresden, 1896: „Die Schleier der Nacht zerreißen, fahle Nebel schleichen träge über die Fluren und im Osten kündet ein schwacher rötlicher Streifen den kommenden Tag an. […] Wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht taucht da aus dem Dunstmeer, das der grauende Tag vor sich herwälzt und das den Riesenbauten der Großstadt, den Baumalleen und Eichengruppen des Königl. Großen Gartens etwas Bleiernes, Schlaftrunkenes verleiht, am Nordwestende dieses einzig schönen Parkes ein Städtchen auf, das aus grauer Vorzeit zu stammen und aus einer versunkenen Welt wieder erstanden zu sein scheint.“ Dieses Städtchen in der Stadt, neu errichtet und doch hohes Alter vorspiegelnd, bestehend aus einem Dutzend Häuser sowie unter anderem einem Stadttor, Brückenturm, Rathaus, Zunfthaus, Windmühle und Theater, war keineswegs ein neues Gemeinwesen im Königreich Sachsen, sondern Bestandteil der „Ausstellung des Sächsischen Handwerkes und Kunstgewerbes“, die am 20. Juni 1896 in der Landeshauptstadt eröffnet wurde. Während die Ausstellung in der großen Halle an der Nordwestecke des Großen Gartens (heute Standort der Gläsernen Manufaktur) die „Leistungsfähigkeit und Daseinsberechtigung des sächsischen Handwerks und Kunstgewerbes“ demonstrierte, wie die „Dresdner Nachrichten“ verkündeten, verkörperte die „Alte Stadt“ den Brückenschlag zur Vormoderne – ein nostalgischer Bezugspunkt, in dem Imaginationen von traditioneller Architektur, Volkskultur und sozialem Zusammenhalt in gebaute Umwelt übersetzt worden waren. Der Bauausschuss des Stadtrates unter dem Architekten Bruno Adam (1846–1918) verfolgte laut Ausstellungsführer das Ziel, ein „herrliches mittelalterliches Städtebild“ zu erzeugen, das in deutlichem Kontrast zu den rasch wachsenden Großstädten der Gegenwart stehen sollte. Kombiniert wurde damit eine „Dorfanlage“, in der man ländliches Alltagsleben in musealisierter Form darbot. Von den 17 errichteten Gebäuden bildeten allein elf die ländliche Bauweise der Lausitz ab. Der nachempfundene Kirchenbau des Dorfes beherbergte ein „Wendisches Museum“.

Das Dresdner Großereignis fiel in eine Zeit, die man als eine goldene Ära der Universalausstellungen bezeichnen kann. Seit der epochemachenden Londoner Weltausstellung von 1851 hatten sämtliche Industriestaaten Veranstaltungen ähnlichen Charakters auf nationaler Ebene durchgeführt, wobei neben der Darbietung technischer und ökonomischer Errungenschaften immer auch kulturelle Leistungen gewürdigt wurden. Dabei waren nostalgische Darstellungen ‚alter‘ Volkskultur zum festen Bestandteil geworden. Nur wenige Wochen vor der Dresdner Ausstellung war die Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park eröffnet worden, wo „ein Städtebild mit Türmen und Mauern, mit winkligen Gäßchen und giebligen Häusern“ zu sehen war: „Man hat hier vor die Augen der Besucher Alt-Berlin gezaubert, die schlichte aber kräftige Stadt“, wie es in einem Bericht der Zeitschrift „Gartenlaube“ hieß. Hier wie auch bei etlichen anderen Ausstellungen bot der Kontrast mit einer vermeintlich alten, ‚überkommenen‘ Volkskultur die Möglichkeit, die Gegenwart umso heller erscheinen zu lassen.

Plan der „alten Stadt“ (links) und der Dorfanlage (rechts), 1896
Plan der „alten Stadt“ (links) und der Dorfanlage (rechts), 1896 (Ausstellung des Sächsischen Handwerkes und Kunstgewerbes. Wegweiser durch die Alte Stadt, Dresden 1896, S. 22)

Doch auch über ihre Laufzeit hinaus prägten solche Ausstellungen mit ihrem Begleitprogramm die Wahrnehmung von Volkskultur und -leben, vermittelten ‚exotische‘, vormoderne Bilder und bereiteten damit einem volkskundlichen Interesse den Boden. In Dresden trug hierzu das im Rahmen der Handwerks-Ausstellung veranstaltete „Erste Sächsische Volkstrachtenfest“ bei. Dem Ausschuss für das Volkstrachtenfest gehörten der Kunsthistoriker und Mitarbeiter des Kupferstichkabinetts Jean Louis Sponsel (1858–1930), der Architekt und Landbauinspektor Karl Schmidt (1853–1922) sowie der Maler und Kunstgewerbelehrer Oskar Seyffert (1862–1940) an. Diese organisierten einen Festzug mit mehreren tausend Teilnehmer:innen in ‚traditioneller‘ Kleidung, der von Sammelplätzen am Georgplatz und in der Carusstraße in die „Alte Stadt“ zog und dort einen Huldigungsakt für König Albert von Sachsen (1828–1902) ableistete. Das Trachtenfest beschränkte sich aber keineswegs auf den Umzug; es schlossen sich vielmehr Vorträge, Tanzvorführungen und Musik an. Darunter waren beispielsweise ein Vortrag in Oberlausitzer Mundart durch eine Gruppe aus Zittau, Lausitzer Tänze wie der „Kuckuck“ und die „Sackmütze“ durch die Gruppe Reichenau und ein „Bändertanz“ und der Brauch des „Hahnschlagens“ der Gruppe Oderwitz. Es handelte sich mithin um eine Darbietung von Volkskultur in ihren materiellen, mündlichen und symbolischen Aspekten.

Das Volkstrachtenfest verankerte thematische Schwerpunkte, die auf Jahrzehnte hinaus für das volkskundliche Interesse in Sachsen gültig bleiben sollten. Hatten bereits Pädagogen wie Hermann Dunger (1843–1912) und Franz Magnus Böhme (1827–1898) mit ihren Forschungen zu Sagen und Liedern wichtige Akzente einer regional orientierten Volkskunde gesetzt, so kamen nunmehr Trachten und ‚Volkskunst‘ hinzu. Stilbildend für das Trachtenfest war die Differenzierung in „die fünf Volksstämme, die man in Sachsen unterscheiden kann“, so ein Bericht der „Illustrirten Zeitung“: die Vogtländer, die Erzgebirger, die Bewohner des Meißener Hochlandes, die Lausitzer und die Wenden (Sorben). Insbesondere das Vogtland, das Erzgebirge und die Lausitz wurden zu Regionen erklärt, in denen eine eigenständige und besonders reichhaltige volkskulturelle Überlieferung existierte. Über das „Wendische Museum“ in der „Alten Stadt“ richtete sich der Blick zudem auf die sorbische Volkskultur, die gleichfalls im Begleitband „Sächsische Trachten und Bauernhäuser“ eine prominente Rolle spielte, betonte man doch, dass die wendische Tracht bis in die Gegenwart in Gebrauch sei.

Oskar Seyffert nahm das Fest von 1896 als Ausgangspunkt für eine intensive Beschäftigung mit der ‚Volkskunst‘. Darüber hinaus floss seine künstlerische Arbeit unmittelbar in den Ausstellungsführer ein, dessen Illustrationen aus seiner Feder stammen. Auch die Institutionalisierung der Volkskunde erhielt durch das Fest einen deutlichen Schub. Auf maßgebliches Betreiben Seyfferts gründete sich am 14. Februar 1897 der „Verein für Sächsische Volkskunde“ mit dem Ziel, ein „Landesmuseum für Volkskunst“ und damit einen festen Platz für die volkskulturelle Überlieferung zu schaffen – ein Plan, der 1913 schließlich umgesetzt werden konnte und als „Museum für Sächsische Volkskunst“ bis heute Bestand hat. Eine weitere zentrale Person im Verein war Eugen Mogk (1854–1939), Professor für Nordische Philologie an der Universität Leipzig. Schon 1897 verschickte dieser einen „Fragebogen zur Sammlung der volkstümlichen Überlieferungen im Königreich Sachsen und in den angrenzenden Gebieten“ an die Vereinsmitglieder und gab darüber hinaus die „Mitteilungen des Vereins für Sächsische Volkskunde“ als erste volkskundliche Zeitschrift Sachsens heraus.

Noch in einer weiteren Hinsicht war das Jahr 1896 für die Begründung der Volkskunde in Sachsen von Bedeutung. Zeitgleich zur Dresdner Ausstellung war der Volkswirtschaftler Robert Wuttke (1859–1914) mit Plänen für eine volkskundliche Vortragsreihe an die Gehe-Stiftung herangetreten. Über den „Verein für Sächsische Volkskunde“ gelang es ihm, einige der dort organisierten Personen für das Vorhaben zu gewinnen, und im Herbst 1898 konnte die Vortragsreihe mit 20 Beiträgen realisiert werden. Die Vorträge wurden zur Grundlage des Sammelbandes „Sächsische Volkskunde“, den Wuttke 1900 herausgab. Mitwirkende waren unter anderem Dunger mit einem Text über die „Volksdichtung in Sachsen“, Mogk mit einem Beitrag zu „Sitten und Gebräuche im Kreislauf des Jahres“ und Seyffert, dessen Aufsatz den Titel „Die wendische, vogtländische und altenburgische Volkstracht im 18. und 19. Jahrhundert“ trug.

Obgleich die Arbeit des Vereins unter der Rivalität der Leipziger (Mogk) und Dresdner (Seyffert) Gruppe litt, war seine Gründung 1897 doch ein entscheidender Schritt zur Institutionalisierung der Volkskunde in Sachsen. Die Vereinstätigkeit und die Publikation der „Mitteilungen“ stärkten die Bemühungen, einen volkskundlichen Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Dresden einzurichten. Seit 1903 wirkte der Philologe Karl Reuschel (1872–1924), der neben seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer regelmäßig Vorlesungen an der Technischen Hochschule hielt, als Schriftführer und Beisitzer des Vorstandes im Verein. Die seitens des Vereins betriebene Berufung Reuschels an die Hochschule führte schließlich 1924 zum Erfolg, als er die Professur für ältere Germanistik übernehmen konnte. Aufgrund seines frühen Todes konnte er selbst zwar nicht mehr die Volkskunde als Lehrfach etablieren, doch nur zwei Jahre später erfolgte die Berufung Adolf Spamers (1883–1953) auf eine planmäßige außerordentliche Professur für deutsche Philologie und Volkskunde an der Kulturwissenschaftlichen Abteilung. Darüber hinaus etablierte sich unter Federführung Seyfferts und Schmidts 1908 der „Landesverein Sächsischer Heimatschutz“, in dem die ‚praktische‘ Volkskunde einen Platz fand. Die Handwerks- und Gewerbeausstellung von 1896, die „Alte Stadt“ sowie das Volkstrachtenfest waren also weit mehr als unterhaltsame Events. Die „brillanten und effektvollen Bilder des urkräftigen Volks- und Bauernlebens“, von denen in der Presse zu lesen war, gaben Impulse für die weitere Etablierung der Volkskunde und waren wissenschaftsgeschichtlich damit von einer Tragweite, die den Zeitgenossen noch kaum bewusst sein konnte.

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