Fundstück aus dem ISGV – im Februar 2026

Menschen, Medien und Methoden. Ein anderer Blick auf den volkskundlichen Lehrstuhl an der TH Dresden (1926–1936)

von Nadine Kulbe

Im Jahr 1934 verfasste der angehende Volksschullehrer Helmut Hofmann an der Technischen Hochschule (TH) Dresden eine Examensarbeit über „Das Blumenornament in der sächsischen Volkskunst“. Die 146 Seiten umfassende Studie ist aufwändig mit der Hand geschrieben und enthält 47 kolorierte Zeichnungen sowie 35 Schwarzweiß-Fotografien. Die Bilder zeigen Objekte aus dem Museum für Sächsische Volkskunst/Oskar-Seyffert-Museum in Dresden beziehungsweise Details derselben. Während die Fotografien mit Blumenornamentik versehene Möbel und Gebrauchsgegenstände aus dem Museumsbestand als Ganzes abbilden, fokussieren die Zeichnungen auf die floralen Details im Sinne von Hofmanns Forschungsthema und hier insbesondere auf deren Farbigkeit, wobei das getönte Papier, auf dem sie aufgeklebt sind, den Grundton der Möbelstücke imitiert. Entstanden ist die Arbeit am Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Volkskunde, betreut hat sie Adolf Spamer (1883–1953), der seit Sommersemester 1926 eben diesen Lehrstuhl bekleidete.

Drei Seiten aus Helmut Hofmanns Examensarbeit „Das Blumenornament in der sächsischen Volkskunst“ von 1934
Drei Seiten aus Helmut Hofmanns Examensarbeit „Das Blumenornament in der sächsischen Volkskunst“ von 1934 (ISGV, Bibliothek, Signatur 34132/XL).

Der deutschlandweit erste Katheder für Volkskunde war 1919 in Hamburg eingerichtet worden, die TH Dresden zog 1926 mit dem zweiten nach und nahm damit ein modernes und aufstrebendes Fach in ihren Fächerkanon auf. Mit Spamer folgte einer der wichtigsten und einflussreichsten Volkskundler dieser Zeit dem Ruf nach Dresden. Seine zehn Jahre in Sachsen sollten zu seinen produktivsten und engagiertesten werden.

Wohl mindestens 200 volkskundliche Abschluss- und Semesterarbeiten sind unter Spamers Ägide in Dresden entstanden, gut sechzig davon sind erhalten und in der Bibliothek des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) sowie im Nachlass von Adolf Spamer verfügbar. Viele sind mit Karten, Tabellen und/oder Abbildungen ausgestattet.

Heute ist die Bebilderung studentischer Arbeiten oder die Platzierung von Tabellen insofern gewöhnlich, als es kein Problem mehr darstellt, mit dem entsprechenden elektronischen Textverarbeitungsprogramm solcherlei in den Fließtext einzubringen. Wo früher mit der Schreibmaschine oder von Hand geschrieben, ausgeschnitten oder aufgeklebt werden musste, werden heute eine Grafik, ein Scan oder ein Foto einfach per copy & paste eingefügt. Die große Menge der insbesondere mit Abbildungen in Form von Zeichnungen und Fotografien ausgestatteten studentischen Arbeiten, die am volkskundlichen Lehrstuhl Adolf Spamers entstanden sind, überrascht insofern, als geistes- und kulturwissenschaftliche Fächer damals wie heute immer noch sehr textbasiert sind. Die Verwendung von Bildern, sei es als Quelle oder Darstellungsmittel, war und ist die Ausnahme. Warum also hat Helmut Hofmann mehr als 70 Abbildungen in seine Arbeit eingebracht? Oder Walter Bachmann das „Wesen der Volkskunst“ (1933) mit 135 Bildern ausgestattet? Oder Inga Katzschner ihre Arbeit über den Kreuzstich (1936) mit über 170? Oder Hans Jakob, der dem Thema „Selbstgefertigtes Kinderspielzeug“ (1934) drei Bände widmete: einen Textband sowie zwei mit über 400 Abbildungen?

In Dresden gaben Spamers Lehrveranstaltungen ab 1926 einen breiten Einblick in volkskundliche Themen und Arbeitsweisen. Er bot Vorlesungen, Seminare und Übungen zur Volkskunst, zum Volkslied, zum Erzählgut, zu Sitten und Bräuchen sowie zur volkskundlichen Methodenlehre an. Dass das neue Fach als prüfungsrelevantes Wahlfach bei den zukünftigen Lehrer:innen beliebt war, zeigt gerade die hohe Zahl der von Spamer betreuten Semester- und Abschlussarbeiten. Die Studierenden widmeten sich darin historischen und gegenwartsbezogenen Fragestellungen, untersuchten Objekte und Phänomene des Alltags, der Kunst und Kultur in der Stadt und auf dem Land, sie vertieften Forschungsgebiete des Lehrstuhlinhabers oder setzten Schwerpunkte bei eigenen Interessen.

Etwa ein Viertel der von Adolf Spamer betreuten Arbeiten stammte von Studentinnen, einem für die Zeit außerordentlich hohen Frauenanteil. Der Anteil von Frauen unter den Studierenden an deutschen Hochschulen und Universitäten lag in der Zeit der Weimarer Republik bei etwa acht bis zehn Prozent. Dass er bei diesem Dresdner Studienfach überdurchschnittlich hoch war, lag wohl einerseits an der Attraktivität des Lehrer:innenberufs gerade für Frauen, andererseits auch an der Lebens- und Alltagsnähe des Faches selbst. Einen nicht geringen Anteil daran mag auch der Lehrstuhlinhaber gehabt haben, der außerhalb seiner universitären Veranstaltungen mit Mitarbeitenden, Studierenden und Absolvent:innen zu Gesprächsrunden, Ausstellungsbesichtigungen und Exkursionen zusammenkam.

Über Spamers Lehrmethoden und den Ablauf seiner Lehrveranstaltungen ist praktisch nichts bekannt. Allein die Vorlesungsverzeichnisse der TH Dresden verraten, dass er bei zwei Lektüreübungen zu mittelhoch- und mittelniederdeutschen Texten in den Sommersemestern 1927 und 1929 ein sogenanntes Epidiaskop verwendet hat. Das war ein Projektor, der zweifach genutzt werden konnte: als Auflichtprojektor, bei dem eine Vorlage (zum Beispiel eine Buchseite) beleuchtet und ihr Bild über Spiegel auf eine (Lein-)Wand geworfen wurde – ähnlich einen Overhead-Projektor; sowie als Durchlichtprojektor, bei dem das gleiche mit einer durchscheinenden Vorlage – einem Dia mit beliebigem Motiv – geschah.

Auch wenn die mediale Ausgestaltung von Spamers Lehrveranstaltungen nicht bekannt ist, so scheint er seinen Studierenden doch zumindest die Möglichkeiten und den Wert eines wissenschaftlichen Umgangs mit Bildern bewusst gemacht zu haben: Denn sie haben ebenso bestimmte Bildmedien als Themen in ihren Arbeiten behandelt wie sie sie als Mittel der Darstellung nutzten – so Felix Schellakowsky in seiner Studie „Religiöse Kleinkunst der Lausitzer Frauenklöster“ (1931). Auch diese Arbeit war ursprünglich mit 200 Abbildungen versehen gewesen. Sie ist heute in drei Exemplaren in der Bibliothek des ISGV vorhanden, allerdings nur als Textband. Etwa 80 Abzüge seiner ursprünglich verwendeten Fotografien sind heute noch separat verfügbar. Sie sind von seiner oder anderer Hand rückseitig beschriftet: mit einer kurzen Bildbeschreibung sowie einer Seiten- und Bildnummer als Verweise auf den Text.

Bildmappe des ISGV-Bildarchivs mit Aufnahme eines Wachsreliefs (ISGV, Bildarchiv, 41606)
Bildmappe des ISGV-Bildarchivs mit Aufnahme eines Wachsreliefs, Rückseite mit Informationen zum Bild und zur Platzierung in Felix Schellakowskys „Religiöse Kleinkunst“, Fotograf:in unbekannt, um 1930 (ISGV, Bildarchiv, 41606).

Zwei Dinge fallen bei Hofmanns und Schellakowskys Arbeiten beziehungsweise bei den von ihnen verwendeten fotografischen Bildern auf: Zum einen haben sie deren Urheber:innen nicht angegeben, zum anderen ist die Qualität der einzelnen Fotografien ausgesprochen unterschiedlich. Warum das so ist, erklärt sich bei der Suche nach möglichen Bildvorlagen und Fotograf:innen. So stammen zehn der insgesamt von Hofmann verwendeten 35 Fotos von dem professionellen Fotografen Max Nowak (1881–1956), der seit 1925 vor allem für den Landesverein Sächsischer Heimatschutz gearbeitet hat.

Ein Vergleich der von Hofmann verwendeten Abzüge mit Nowaks ursprünglichen Aufnahmen verrät auch einiges über fotografische Praktiken. Einige der Nowakschen Fotografien sind retuschiert: Teile des oder gar der gesamte Hintergrund wurden übermalt, wodurch die Information, dass die Aufnahme in einem bestimmten Raum oder einer musealen Umgebung erfolgt ist, wegfällt. Fotografisch reproduzierte museale Objekte sollten durch die Retusche objektiver erscheinen und auch einen einfacheren Vergleich des Objektes mit anderen ermöglichen.

Bei den Fotografien in Schellakowskys Arbeit lässt sich beobachten, dass viele unscharf sind, während andere professioneller wirken, denn sie sind scharf und gut belichtet. Bei einigen Aufnahmen ist erkennbar, dass Ausstellungsstücke in einem Museum mitsamt ihrer Beschriftung abgelichtet worden sind, was beim Fotografieren musealer Objekte üblicherweise vermieden wird.

Sowohl bei Schellakowsky als auch bei Hofmann sind die fotografischen Fehler ein anschauliches Beispiel dafür, dass Fotografie ein Handwerk war und ist, für das Wissen und Erfahrung notwendig sind. Darum ging es aber auch gar nicht. Vielmehr sollten die Kandidaten ihre Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten nachweisen: mit der Wahl eines begrenzten Themas (Blumenornamentik, klösterliche Kunst) innerhalb eines der Gebiete (Volkskunst) des gewählten Faches (Volkskunde); mit der Wahl einer geeigneten Methodik zur Bearbeitung des jeweiligen Themas (Literatur-, Quellen- und Objektrecherche, Auswertung derselben, Vergleiche); mit der Wahl einer geeigneten Darstellungsmethode (schriftliche Arbeit mit Abbildungen, Quellen- und Literaturverzeichnis). Dazu zählt auch, die Reichweite und Grenzen der eigenen Arbeit zu erkennen. So bemerkte Hofmann in der Einleitung, dass er sich seinem Ziel, die Entwicklung des Blumenornaments in der Volkskunst Sachsens darzustellen, nur annähern, diese nicht erschöpfend behandeln könne. Grund dafür sei unter anderem die arbeitspraktisch notwendige Beschränkung seiner Recherchen auf das Museum für Sächsische Volkskunst gewesen: „Trotz der Fülle des Materials erlaubt die Zufälligkeit einer Sammlung nur Annahmen und Vermutungen, die vielleicht Grundlage einer weiteren Forschung sein können.“ (S. 3) Und Hofmann erkannte auch die Grenzen der Verwendung einer dokumentierenden und repräsentierenden Fotografie zu dieser Zeit: Die schwarz-weißen Bilder entbehrten ihrer Natur gemäß jeder Farbigkeit – etwas, das für bemalte Möbel aber eigentlich essenziell ist. So machte Hofmann die Not zur Tugend und behalf sich mit farbigen Handzeichnungen blumenornamentaler Details.

Geht man davon aus, dass Hofmann und Schellakowsky die meisten der von ihnen verwendeten Fotografien auch selbst gemacht haben, dann zeigt dies mehrerlei: Sie haben sich nicht nur mit dem wissenschaftlichen Gehalt der ihnen gestellten Aufgabe auseinandergesetzt, sondern auch mit technischen Erfordernissen. Ihre Forschungsfrage und die methodische Idee, Fotografien beziehungsweise Bilder für ihre Analyse und Darstellung zu nutzen, haben sie entweder in eigene Bilder oder in eine Auswahl Bilder Dritter umgesetzt. Ihre ‚Bildidee‘ beweist auch, dass Hofmann und Schellakowsky tatsächlich dagewesen sind – in den Museen und Sammlungen, die die von ihnen gezeigten Objekte (oder deren Bilder) beherbergten. Ihre Arbeiten sind nicht nur am Schreibtisch entstanden. Vielmehr haben sie das, was ihr Lehrer Adolf Spamer immer wieder betont hat, die Volkskunde und ihre Forschungsgebiete müssten ‚erschaut‘ und ‚erwandert‘ werden, wirklich umgesetzt. Und sie haben, was bis heute keinesfalls selbstverständlich ist, Zeichnungen und Fotografien nicht illustrativ genutzt, um einen langatmigen Text aufzulockern oder ein paar ‚hübsche Sachen‘ zeigen zu können. Die Fotografien und Zeichnungen waren für sie Mittel des Erkenntnisgewinns, des Vergleichens, des Anschaulichmachens und des Beweisens. Mithin Methoden wissenschaftlichen Arbeitens, die unverändert geblieben sind.

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