Fundstück aus dem ISGV – im August 2026
Wissensgenerierung und Wissensnetzwerke im Kontext der Forschung zur Weinkultur am Institut für Volkskunde, Forschungsstelle Dresden
„Vieles verdanke ich den Winzern an Elbe, Saale, Unstrut und vom Süßen See.“
von Antje Reppe
Wissens- und wissenschaftsgeschichtliche Fragen beschäftigen die Volkskunde/Kulturanthropologie nicht nur im Jubiläumsjahr ihrer einhundertjährigen Geschichte als wissenschaftliche Disziplin in Sachsen. Ausgehend von einem bürgerschaftlichen Interesse an und Engagement für die ‚Volkskultur‘ entstanden im ausgehenden 19. Jahrhundert reichsweit Vereine und Organisationen, die das vorerst von Laienforschern erhobene volkskundliche Wissen organisierten und den Grundstein zur institutionalisierten Wissenschaft Volkskunde legten. Wie Sabine Imerie für die volkskundliche Arbeit in Berlin um 1900 nachweisen konnte, fußte dieses Wissensmilieu auf Kommunikationspraktiken, Akteursnetzwerken und Gelegenheitsstrukturen; Befunde, die sich vergleichbar für Sachsen nachzeichnen lassen: Von heimatkundlichem Engagement und Laienforschung zur Gründung des „Vereins für Sächsische Volkskunde“ 1897 und des „Landesmuseum für Sächsische Volkskunst“ 1913 hin zur Einrichtung der außerordentlichen Professur für deutsche Philologie und Volkskunde an der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule Dresden entstand und entwickelte sich ein Netzwerk der volkskundlichen Wissensproduktion.
Im Folgenden sollen ein Überblick über die (Neu)Konstituierung wissenschaftlicher Netzwerke der Volkskunde nach 1945 gegeben und anhand von Nachlasssplittern – Fundstücken aus dem noch nicht erschlossenen Nachlass von Rudolf Weinhold (1925–2003) – die Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung und Nutzung netzwerkbasierter Wissensräume diskutiert werden. Als Schnittstelle wird der Weinbau als volkskundlich/kulturanthropologischer Forschungsgegenstand im Fokus stehen.
Materielle Kultur als Schnittstelle internationaler wissenschaftlicher Netzwerke
Nach dem 2. Weltkrieg war in Deutschland eine weitfassende Neuorientierung nötig, die auch die Wissenschaftslandschaft betraf. Auch die Ausrichtung des Fachs Volkskunde musste nach der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus neu justiert werden. Internationale Orientierung im Sinne eines deutsch-deutschen-Austausch, aber auch europäische und globale Vernetzung spielten dabei eine wichtige Rolle. An bestehende Strukturen wie die „Commission International des Arts et Traditions Populaires“ (CIAP, 1928 gegründet, 1964 in die „Societé Internationale d’Ethnologie et de Folklore“ (SIEF) transformiert) wurde angeknüpft, neue Verbünde wie die „International Union of Anthropological an Ethnological Science“ (IUAES, 1948 unter der Schirmherrschaft der UNESCO gegründet) entstanden. Zwischen zahlreichen europäischen Ländern erwies sich die Sachkulturforschung mit Schnittstellen zur Agrarethnografie als Bindeglied internationaler Zusammenarbeit. Kommissionen wurden gegründet, gemeinsame Ziele avisiert, Tagungen und Kongresse veranstaltet und Publikationen verwirklicht. In diesem Kontext etablierten sich auch Inventarisierungs- und Dokumentationsprogramme im deutschsprachigen Raum. Wegweisend war das Projekt zur Erfassung bäuerlicher Arbeitsgeräte in den Museen der DDR, das durch Wolfgang Jacobeit (1921–2018) und Rudolf Weinhold in den Jahren 1956 bis 1962 am Berliner Institut für deutsche Volkskunde durchgeführt wurde. Es gilt heute nicht nur als „starting point“ einer neuen Sachkulturforschung in der DDR, auch als Impulsgeber und Referenzpunkt eines internationalen Netzwerks der ‚Material-Culture‘. Für mehrere Jahrzehnte stand die Erforschung materieller Kultur im Fokus der DDR-Volkskunde, jedoch geriet die internationale Anschlussfähigkeit dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Vielmehr erwies sich dieser Themenbereich als Schnittstelle zu einer sozialistischen Ausrichtung der Disziplin. Ausgehend von der Sachquelle sollte das Erkenntnisinteresse nun verstärkt auf das „werktätige Volk“ gerichtet werden.
Wissensnetzwerk Wein – Möglichkeiten und Grenzen volkskundlicher Arbeit in der DDR
Rudolf Weinhold, der mit Wolfgang Jacobeit das genannte Inventarisierungsprojekt durchgeführt hatte, übernahm 1962 die Leitung der an das Berliner Volkskundeinstitut angegliederten Forschungsstelle Dresden. Weinhold hatte Ethnologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Leipzig studiert und am Zentralhaus für Laienkunst in Leipzig zur materiellen Kultur gearbeitet. Für seine weitere wissenschaftliche Qualifizierung in Dresden, heute vergleichbar mit einer Habilitation, benötigte er ein neues Forschungsvorhaben. Das Thema Weinkultur zeigte sich nicht nur als passender Zuschnitt für eine Qualifizierungsarbeit mit Anbindung an die Zielstellungen des Sozialismus, sondern auch als Impuls und Schnittstelle für regionale Netzwerke und internationale Zusammenarbeit.
Zahlreiche Aspekte der Weinkultur standen und stehen im Erkenntnisinteresse volkskundlicher Forschung. Als sich Rudolf Weinhold Anfang der 1960er Jahre diesem Thema näherte, konnte er an bestehende Arbeiten und laufende Vorhaben anknüpfen, benötigte aber einen neuen Zugang, um fachspezifisches Wissen an sozialistische Themen anzubinden. Die mit dem Weinbau und Weingenuss verbundenen Brauchkulturen waren zwar grundsätzlich von volkskundlichem Interesse, allerdings weniger im Fokus politischer Zielstellungen. So stellte Weinhold die „Produktivkräfte des Weinbaus auf dem Staatsgebiete der DDR“ in den Vordergrund seiner Arbeit. Unter Anbindung an Karls Marx‘ „Kritik der politischen Ökonomie“ wurden Fragen nach den Produzenten, der Klassenzugehörigkeit und ihrer Arbeitsweise beleuchtet. Die Studie wurde 1972 verteidigt und im Folgejahr unter dem Titel „Winzerarbeit an Elbe, Saale und Unstrut. Eine historisch-ethnographische Untersuchung der Produktivkräfte des Weinbaus auf dem Gebiet der DDR“ veröffentlicht. Zugleich versuchte Weinhold beständig die Erforschung des europäischen Weinbaus auch aus internationaler Perspektive voranzutreiben. Im praktischen Vorgehen bezog sich diese für Weinhold maßgeblich auf eine osteuropäische Ausrichtung, vor allem und in enger Zusammenarbeit mit Forschenden aus der Volksrepublik Ungarn. Gemeinsam mit István Vincze (1922–1982), der am Ethnografischen Museum in Budapest tätig war, erarbeitete Weinhold das methodische Vorgehen seiner Studie. Die beiden Forscher verband fortan ein enger wissenschaftlicher Austausch und der gemeinsame Wunsch, eine internationale Weinkommission zu etablieren, die über die osteuropäische Zentrierung hinausreicht. Formell gegründet wurde diese Kommission bereits 1964 auf dem 7. Kongress der IUAES in Moskau. Rudolf Weinhold und István Vincze wurden als Vorsitzende der Kommission benannt, unterzeichnet wurden die Beschlüsse von Ethnologen aus Schweden, Portugal, Frankreich, Jugoslawien, Ungarn, der Sowjetunion und der DDR.
Die tatsächliche Umsetzung gemeinsamer Projekte, Tagungen und Publikationen im Rahmen der Kommission für Weinbau scheint aber nicht zu Stande gekommen zu sein; sie blieb zumindest marginal und begrenzte sich mehr und mehr auf Länder des sozialistischen Auslands. Auch das Erheben der Forschungen zum Weinbau als „Planaufgabe“ am Institut für Volkskunde, nützten nicht: So blieb Weinhold beispielsweise die Teilnahme und das Referieren beim 9. österreichischen Historikertag in Linz 1967 verwehrt. Die Dienstreisepolitik, die bereits seit 1957 stark durch die SED reglementiert wurde, erhielt Ende der 1960er-Jahre eine noch restriktivere Ausrichtung und in ein Reisekadersystem, das mehr auf Repräsentationscharakter als auf fachlicher Qualifikation aufgebaut war.
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Abb. 3: Vorbereitung einer Forschungsreise von Rudolf Weinhold nach Jugoslawien, 1964 (ISGV, Nachlass Rudolf Weinhold) -
Abb. 4: Vorbereitung einer Forschungsreise von Rudolf Weinhold nach Jugoslawien, 1964 (ISGV, Nachlass Rudolf Weinhold) -
Abb. 5: Vorbereitung einer Forschungsreise von Rudolf Weinhold nach Jugoslawien, Antragsformular mit mehreren Durchschlägen, 1964 (ISGV, Nachlass Rudolf Weinhold).
Im regionalen Kontext konnte sich Weinhold im Rahmen seiner Forschungen allerdings ein vielseitiges und beständiges Netzwerk aufbauen, dass sich in seinen Publikationen und in den im ISGV verwahrten Überlieferungen widerspiegelt. Die Studien zur Weinkultur fußten maßgeblich auf der Auswertung von archivalischem und musealem Quellenmaterial, Vergleichsliteratur und auf der Befragung von aktiven Winzern im Untersuchungsgebiet. Anhand zweier Fundstücke kann hier ein Einblick gegeben werden:
Rudolf Weinhold organisierte im Herbst 1973 eine Weinverkostung und ein Abendessen für ca. 35 Personen. Der Anlass dafür ist (noch) nicht bekannt, es könnte sich um einen „Betriebsausflug“ der Forschungsstelle Dresden gehandelt haben. Dafür kontaktierte Weinhold den Winzer Joachim Lehmann, der in Diesbar-Seußlitz auf seinem Weingut auch eine Gaststätte betrieb. Lehmann war einer der Gewährsleute, die Weinhold in den 1960er-Jahren für seine Forschungen befragte. Der umfangreiche Fragenkatalog mit über 70 Fragen zur Weinkultur wie auch einige Antworten und Bearbeitungen dieser sind überliefert. Darunter befindet sich auch der von Joachim Lehmann. Zu circa 40 Fragen konnte er ausführliche Antworten geben. Diesen Bearbeitungen, bereits maschinell dokumentiert, sind von Weinhold verfasste Informationen zur Gewährsperson vorangestellt. Zu Lehmann hält er unter anderem fest: „[Jochaim Lehmann] hat ein erstaunliches Wissen erworben, das einerseits aus angelernter Buchweisheit, andererseits aus Erfragtem (so weit es die eigene Heimat betrifft) besteht. Von offenem Charakter, […] war er ein überdurchschnittlicher gebildeter Gewährsmann.“ Jahre später scheint sich aus dem Arbeits- ein Freundschafts- und Vertrauensverhältnis entwickelt zu haben. Als Weinhold die Veranstaltung und Weinprobe nach einem persönlichen Gespräch auch schriftlich anfragte, geschah dies in einem freundschaftlich vertrauten Ton und einer gewissen Sicherheit, auf dem Weingut selbst agieren zu können.
Ähnlich lässt sich dies auch bei weiteren Kontakten nachzeichnen: Im Rahmen seiner Recherchen lernte Rudolf Weinhold Hellmuth Rauner (1895–1975), den Vorsitzenden des Radebeuler Kulturbundes, Weinliebhaber und Küfermeister kennen. Rauner, der eine eigene Sammlung an Weinliteratur und -utensilien sowie Kontakte zu lokalen Winzern und der Winzergenossenschaft besaß, vermittelte Weinhold die Meißener Winzerchronik aus dem Bestand der Genossenschaft als Leihgabe. Außerdem auch das 1927 erschiene „Buch vom Wein“, welches sich in Rauners Familienbesitz befand. Weinhold hatte wohl schon länger erfolglos versucht, dieses Buch zu erwerben, und bedankte sich umfänglich: „Mit Ihrer Sendung haben Sie mir eine riesengroße Freude gemacht. […] Ich habe diesem Werk lange nachgespürt […] Nun bringt es mir der Zufall oder eine gute Fügung der Weingeister als Geschenk ins Haus.“ Zwischen Rauner und Weinhold scheint sich rasch ein engeres Verhältnis entwickelt zu haben. So versuchte Weinhold 1962 eine Beteiligung Rauners an einer geplanten Studienreise nach Ungarn zu erwirken. Ob es Rauner möglich war, Weinhold bei seiner Studienreise zu begleiten, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Wohl aber, dass die beiden eine fortwährende und engere Beziehung verband, die Weinhold 1976 mit einem Nachruf auf Rauner in den Sächsischen Heimatblättern würdigte.
Ausgabe von Vivat Bacchus, 1976
Rudolf Weinhold pflegte im Rahmen seiner Forschungen (zur Weinkultur) eine Menge Kontakte, denen nachzuspüren und auszuwerten sein im ISGV verwahrter Nachlass einlädt. Im Vorwort seiner Publikation zur Winzerarbeit hielt er fest: „Vieles verdanke ich den Winzern an Elbe, Saale, Unstrut und vom Süßen See.“ Dies bezog sich sicher nicht nur auf das Ergebnis dieser Arbeit; im Folgejahr erschien sein umfangreiches Buch „Vivat Bacchus“, das sich der Kulturgeschichte des Weines und seinen Brauchkulturen widmet. Es wurde 1976 ins Französische und 1978 ins Englische übersetzt, erschien in Paris, Lausanne, Brüssel, London und New York und zählt zu Weinholds meist rezipierten Arbeiten.