Fundstück aus dem ISGV – im April 2026
Von der Volkskunde zur Volkstumsarbeit. Die praktische Volkskunde unter Einfluss des Heimatwerks Sachsen (1936–1945)
von Claudia Dietze und Christoph Sauer
Grammophon 2877A, um 1939 (ISGV/
Sammlungen und Nachlässe, Schellackplatten)
Die Volkskunde war im Deutschen Reich zwar bereits vor 1933 als akademische Disziplin institutionalisiert, verfügte jedoch zunächst nur über begrenzten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Einfluss. Eine breitere Wirkung entfaltete sie weniger im universitären Rahmen als vielmehr durch außeruniversitäre und private Initiativen. So gründete Adolf Spamer, der seit 1926 in Dresden den Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Volkskunde innehatte, 1929 die „Freie Vereinigung für Volkskunde“ (ab 1932 „Verein für Volkskunde Dresden“); 1931 folgte in Leipzig die Gründung des „Sächsischen Verbandes für Volkskunde“.
Vor dem Hintergrund des Kulturnationalismus im 19. Jahrhundert wurde die sogenannte Volkstumsarbeit zu einer zentralen strategischen Praxis, um vermeintlich kulturelle und weltanschauliche Eigenheiten des „Volkes“ zu bewahren. Charakteristisch war dabei das enge Zusammenspiel staatlicher und privater Akteure. Bereits in der Weimarer Republik wirkten völkische Bewegungen auf die Volkstumsarbeit in abgeschwächter Form, die sich im Nationalsozialismus in radikalisierter und ideologisch pervertierter Form ausprägte.
Um das Volk ‚weltanschaulich‘ auszurichten, wollte man tief in verschiedene Dimensionen des Alltags eindringen, diesen umgestalten und ideologisch aufladen. Dies betraf in erster Linie den viel beschworenen Heimatbegriff. Den Volkskundlern kam hier die besondere Funktion zu, die sogenannte Volkstumsarbeit durch die wissenschaftliche Erforschung von zum Beispiel ‚Brauchtum‘, Sprache, Regionen oder auch Handwerk zu unterstützen. Die praktische Umsetzung lag vorrangig bei Pädagog:innen, aber auch bei Institutionen des Fremdenverkehrs, der Kultur oder der Presse.
Mit der Gründung des „Heimatwerk Sachsen – Verein zur Förderung des sächsischen Volkstums e. V.“ am 2. Oktober 1936 wurde die Kulturarbeit im Gau Sachsen völlig neu aufgestellt. Das Heimatwerk hatte den Auftrag, „alle Aufgaben der Volkstums- und Heimatarbeit im sächsischen Gau in Übereinstimmung mit den Dienststellen der Partei und des Staates durchzuführen“. Schirmherr und Initiator war der sächsische Gauleiter Martin Mutschmann (1879–1947), Vorsitzender war der Schwarzenberger Großindustrielle Friedrich Emil Krauß (1895–1977), die eigentliche Leitung hatten der Staatskanzleivorsitzende Curt Robert Lahr (1898–1974) und sein Mitarbeiter Arthur Graefe (1890–1967) inne. Von Beginn an verstand sich das Heimatwerk als kulturpolitische Dachorganisation, die im Sinne von Partei und Staat agierte: „Das ‚Heimatwerk‘ […] will anregen, beraten und steuern.“
Innerhalb kurzer Zeit wurde die Arbeit des Heimatwerks in allen Bereichen der kulturellen Betätigungen sichtbar: War es zu Beginn die Außenwirkung Sachsens, die in Wort und Bild repräsentativ dargestellt werden sollte, so erstreckte sich der Einfluss spätestens ab 1938 auf den gesamten privaten Bereich der ‚Volksgenossen‘ – die Gestaltung des Feierabends und der Freizeit.
Vor der Gründung des Heimatwerks Sachsen versuchten Mutschmann und Graefe mit der sogenannten Sachsenaktion das Ansehen des Gaus sowie dessen Bevölkerung aufzuwerten, indem sie die mutmaßlichen Eigenheiten und Besonderheiten Sachsens strategisch propagierten, gleichzeitig aber durch die charakterliche und sprachliche Erziehung gegen alle „Verunglimpfungen, insbesondere gegen die Verschandelung der Mundart“ vorgehen wollten. Unter der Leitung des Heimatwerk-Fachreferenten für Sprecherziehung, Alfred Simon, wurden mit Hilfe der Firmen Telefunken beziehungsweise Deutsche Grammophon Aktiengesellschaft Mundartbeispiele, etwa die „untere Gassensprache“ oder „Mundartnahe Umgangssprache“, aus den Regionen Sachsens aufgenommen, um Beamten wie auch Lehrer:innen und Erzieher:innen mit Hilfe von Tonaufnahmen Negativbeispiele vorzuführen, diese zu unterrichten und damit zur Hochsprache zu erziehen. Diese Maßnahme stand jedoch in keinem Gegensatz zur Pflege und Bewahrung der regionalen Dialekte, die das Heimatwerk vorantrieb.
Die Volkskunde untersuchte die unterschiedlichen sächsischen Dialekte beziehungsweise „Mundarten“ und versuchte, Volksdichtungen zu bewahren. Gerade die Pädagog:innen, die zur ‚deutschen Hochsprache‘ umerzogen wurden, waren von den Volkskundlern, primär durch Umfragen des Germanistischen und Geschichtswissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig, aktiv in die Forschung mit eingebunden. Albert Zirkler (1891–1971), Gaubeauftragter für Mundartschrifttum in der Landesstelle für Volksforschung und Volkstumspflege, adressierte sogar die Weitergabe der bisherigen Erkenntnisse der Mundartforschung an die Lehrerschaft und deren Umsetzung. Ab 1942 versuchte das Sprachamt Sachsen in der Staatskanzlei die deutsche Sprache offiziell staatlich zu fördern und zu erforschen sowie gegen den Sprachverfall und die Sprachabwertung vorzugehen.
1937 (ISGV/Bildarchiv, BSNR 041077)
Die Volkskunst, also traditionell handwerklich oder häuslich hergestellte Produkte, war von Beginn an ein Themenfeld der Volkskunde. Mehr und mehr wurde der Volkskunst eine kulturpolitische Aufgabe zugeschrieben. Schon früh widmete sich das Heimatwerk dem sächsischen Erzgebirge und erkannte das Potenzial regionaler Eigenarten. Die hiesigen Kreisleitungen der NSDAP versuchten, lokale und kulturelle Traditionen zu instrumentalisieren, um ihre Ideen einer (sächsischen) Volksgemeinschaft zu propagieren. Der ab 1934 als Kreiskulturwart in Aue und ab 1936 im Heimatwerk tätige NS-Funktionär und Fabrikant Friedrich Emil Krauß verpflichtete sich früh der ‚Volkstümelei‘ und galt als Mäzen der erzgebirgischen Volkskunst.
Für die Vermittlung von Kultur und Handwerk waren Ausstellungen essenziell, die in einer Vielzahl an unterschiedlichen Orten im Gau veranstaltet wurden. Höhepunkt war die von November 1937 bis Januar 1938 im Realgymnasium in Schwarzenberg veranstaltete „Feierohmdschau“, die mit 335.000 Besucher:innen aus dem gesamten Reich die größte Volkskunstausstellung war.
(Sachsen, 1938, Heft 3, Umschlag)
Auch die Ausstellung „Sachsen am Werk“, veranstaltet 1938 in Dresden, die unter anderem eine Darstellung von idealisierten Alltagswelten, so in Erzgebirgshäusern sowie durch volkskünstlerisches Handwerk, fokussierte, zählte zu jenen Strategien, die eine kulturelle und ethnisch sächsische Identität konstruierten, diese mit den weltanschaulichen Ideen des Nationalsozialismus verknüpften und dabei konsequent andere Kulturen und gesellschaftliche Gruppen ausschlossen.
Erziehung in Bayreuth, 1938
(SLUB Dresden, Mscr.Dresd.App.Fritzsch)
Ein weiteres traditionelles Arbeitsfeld der Volkskunde, die sog. Brauchtumsforschung, erlebte in Verbindung mit der Heimatwerkarbeit ebenfalls einen Aufschwung. Denn nun waren Feste und Bräuche Teil der Ideologie und somit wichtiger Bestandteil bei der Formung des ‚neuen Menschen‘ als Glied in der Volksgemeinschaft.
Das Heimatfest, das im Zuge der Heimatbewegung um 1900 entstanden war und die Darstellung der Entwicklungsgeschichte des Ortes mit typischen Formen der Geselligkeit wie Tanz, Gesang oder Schauspiel beinhaltete, bekam durch das Heimatwerk einen außerordentlichen Bedeutungszuwachs. Historie und Traditionen des Ortes wurden noch mehr in den Mittelpunkt gerückt. Angeregt wurde, jedem Heimatfest einen sog. Heimatabend voranzustellen, bei dem Wissenswertes zum Ort in Verbindung mit Heimatliedern zum Besten gegeben werden sollte. Heimatstücke und -lieder, Festspiele und Festzüge waren die Elemente, die sowohl Tradition stiften als auch verbindend wirken sollten. Neben der volkskundlichen Forschung zu diversen Bräuchen und Festen, die deren Herkunft klärte und die Aufführungspraxis erläuterte, übte das Heimatwerk mittels Richtlinien Einfluss auf Heimatabende und -feste aus.
Neben der unterschwelligen, ideologischen Einflussnahme durch die Freizeitgestaltung gab es vor allem die direkte, besonders auf Kinder und Heranwachsende durch das pädagogische Personal. Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Lehrer vermittelten gezielt ideologisches Wissen in Verbindung mit volkskundlichen Themen. Von den Pädagog:innen ging besonders früh eine starke Begeisterung für den Nationalsozialismus aus. So gründete sich der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) bereits 1927 als erste NS-Organisation.
Volksschullehrer:innen waren die Hauptgruppe externer Mitarbeitender, aus der sowohl die Volkskunde als auch das Heimatwerk schöpften. Ab 1937 orientierte sich die Landesstelle für Volksforschung und Volkstumspflege im NSLB an den Zielen der Sächsischen Staatskanzlei und somit am Heimatwerk. Die Landesstelle war seit 1933 für die komplette theoretische Erforschung und praktische Umsetzung der Volkskunde in Sachsen verantwortlich.
Ein Arbeitsgebiet, bei dem die Landesstelle auf tatkräftige Unterstützung durch die Lehrer:innen bauen konnte, war die zwischen 1934 und 1937 durchgeführte sog. volkskundliche Landesaufnahme. In drei Jahren wurde zu beinahe allen Orten Sachsens Material zu ‚volkstümlichem‘ Brauchgeschehen im Jahreslauf gesammelt und dokumentiert. Die dazu verschickten Fragebögen wurden von mehr als 2.000 Personen, zumeist Pädagog:innen, ausgefüllt. Die Ergebnisse kamen einerseits den Erzieher:innen gezielt für die praktische Anwendung im Unterricht zugute, andererseits konnte das so gewonnene Wissen in Fach- und Heimatwerkpublikationen wie „Das schöne Sachsen. Monatsschrift für Volkstum und Heimatpflege, für Kultur, Wirtschaft und Verkehr“, „Sachsen. Zeitschrift des Heimatwerkes Sachsen“ oder „Die Sachsenpost“ veröffentlicht werden.
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„Das schöne Sachsen“, 1936, Heft 9, Umschlag -
Zeitschrift „Sachsen“, 1941, Heft 1, Umschlag -
Zeitschrift „Die Sachsenpost“, 1941, Folge 35, Umschlag
Auch im Zweiten Weltkrieg ging die Volkstumsarbeit weiter. Es wurde enger mit NS-Massenorganisationen wie „Kraft durch Freude“ zusammengearbeitet, um sowohl die Bevölkerung als auch die Soldaten an der Front zu schulen und bei Laune zu halten. Außerdem wurden weltanschauliche Schulungen etwa für die SS, Wehrmacht und Polizei durchgeführt; die ‚Volkstumsarbeit‘ wurde somit auf den Krieg ausgerichtet. Die Volkstums- und Heimatpropaganda konnte sachsenweit – und darüber hinaus – wirken und in verschiedensten Formen zum Ausdruck kommen. Letztlich wurde von der sächsischen Volkskunde alles konsequent ausgeschlossen, was nicht konform mit der Heimatwerk-Agenda war.
Seit der Gründung des Heimatwerks standen die Förderung des Ansehens Sachsens und seiner Kultur und die damit verbundene politische Erziehung im Mittelpunkt. Es entwickelte sich zu einer Propagandainstitution par excellence, die reichsweit ihres gleichen suchte. Einen großen Anteil daran hatten die Akteur:innen der Disziplin Volkskunde mit all ihren Strukturen, die zwischen 1933 und 1945 gebildet wurden. Die ‚Volkstumsarbeit‘ im Sinne des Heimatwerks Sachsen fungierte als Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis, indem Forschungserkenntnisse gezielt über die Kanäle der Bildung, Presse oder des Fremdenverkehrs verbreitet wurden. Es entstand „eine gründliche und umfassende Darstellung der Lebensformen des deutschen Menschen im sächsischen Raume,“ die für Propaganda und rassistische Interpretationen im Sinne der Blut-und-Boden-Ideologie verwendet wurde.
Eine Folge der Reihe "12 Fundstücke zu Perspektiven volkskundlich-kulturanthropologischer Forschung in Sachsen"