12 Fundstücke zu Perspektiven volkskundlich-kulturanthropologischer Forschung in Sachsen

von Nadine Kulbe und Antje Reppe

Seit 2018 geben die „Fundstücke aus dem ISGV“ monatlich Einblicke in die Sammlungen des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde und in die Forschungsfelder der Mitarbeiter:innen. Ein besonderer Fokus lag dabei schon immer auf der Geschichte des ISGV und seiner Vorgängerinstitutionen sowie auf der Genese des Fachs Volkskunde/Kulturanthropologie in Sachsen. Das ist vor allem der großen Menge und Bandbreite der hier verwahrten Sammlungen und Nachlässe geschuldet: So findet sich neben Unterlagen der Bibliothekarin und Märchenerzählerin Josefa Elstner-Oertel (1888–1969) , des Volkskundlers Hugo Wiechel (1847–1916), des Kulturwissenschaftlers und Pädagogen Curt Müller (1870–1931) auch der umfangreiche Bestand des Dresdner Instituts für Volkskunde (1945–1953) sowie seiner Nachfolgerin, der volkskundlichen Forschungsstelle Dresden der Akademie der Wissenschaften der DDR (1953–1990). Die Sammlungen des ISGV umfassen neben dem Lebensgeschichtlichen Archiv für Sachsen und dem Bildarchiv auch Landkarten, Schellackplatten zur sogenannten Sprecherziehung, die Volkskundliche Landesaufnahme des NS-Lehrerbundes, Gau Sachsen, sowie Unterlagen der denkmalpflegerischen und volkskundlichen Erfassungsaktion „Alte Bauten im neuen Dorf“. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Materialien, die bei aktuellen Forschungsprojekten erhoben und zusammengetragen werden: Hier reicht die Spannbreite von Interviews, Protokollen, Notizen, Filmen und Fotografien über schriftliche Quellen bis hin zu Postkarten, Flyern, Broschüren und manchmal sogar dreidimensionalen Objekten.

Die Volkskunde/Kulturanthropologie erforscht (alltags-)kulturelle Phänomene, indem sie sich den Akteur:innen, ihren Erfahrungen und dem Umgang mit Objekten zuwendet. Das war nicht immer so: Bis in die 1960er-Jahre stand das ‚Volk‘ im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, wobei nicht alle Milieus und Lebensentwürfe eingeschlossen wurden. ‚Volk‘ war national gemeint und fasste nur diejenigen, die eine gemeinsame Sprache teilten. Geprägt war die frühe Volkskunde von einer romantischen Sicht vor allem auf das Landleben und die bäuerliche Kultur. In den 1930er-Jahren passte sie sich der völkischen Ideologie des Nationalsozialismus an. Erst die Auseinandersetzung mit ihrer Politisierung im Nationalsozialismus führte ab den 1960er- und 1970er-Jahren in Ost und West zu einer Weiterentwicklung des Faches hin zu einer Kulturwissenschaft, die inzwischen unter vielen Namen firmiert: als Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie und Empirische Kulturwissenschaft.

In Sachsen hat das Fach eine lange Geschichte, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht und mit der Gründung des „Vereins für Sächsische Volkskunde“ 1897 das erste Mal in eine feste Organisation überführt wurde. Zunächst waren es Laienforscher, insbesondere Lehrer, die sich für die mündliche Überlieferung des ‚Volkes‘ in Sagen, Märchen und Liedern und für die Bau- und Siedlungsforschung interessierten. Erst in der Zeit der Weimarer Republik setzte mit der Einrichtung volkskundlicher Lehrstühle an den Universitäten die Akademisierung und damit eine zunehmende Professionalisierung des Fachs ein. Dazu trug auch die Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule (TH) Dresden bei. Das Jahr markiert den Beginn der kulturwissenschaftlichen Disziplin in Sachsen. Die Begründung dieses Lehrstuhls ist untrennbar mit dem Volkskundler Adolf Spamer (1883–1953) verbunden, der dem Ruf nach Dresden gefolgt war. Mit ihm hatte die Hochschule einen der bekanntesten und einflussreichsten Fachvertreter der damaligen Zeit gewonnen. Spamer blieb bis 1936 – und seine zehn Dresdner Jahre sollten zu den produktivsten seiner wissenschaftlichen Karriere werden.

1936 wurde Adolf Spamer an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin auf den dort neu eingerichteten volkskundlichen Lehrstuhl berufen. Der Dresdner Lehrstuhl wurde zwar bereits im Sommer des Jahres mit Emil Lehmann besetzt, derselbe war jedoch nurmehr als Honorarprofessor angestellt. Damit ist eine akademische Marginalisierung markiert, von der sich die Volkskunde/Kulturanthropologie in Sachsen nicht mehr erholt hat. Es gibt seitdem keine universitäre Anbindung der Disziplin mehr. Praktisch seit 1945 findet Volkskunde/Kulturanthropologie nur mehr im außeruniversitären Rahmen statt: zunächst in dem durch Adolf Spamer gegründeten Institut für Volkskunde, das 1953 in eine Forschungsstelle der Akademie der Wissenschaften der DDR umgewandelt wurde, aber weiterhin in Dresden verblieb. Aus ihr ging 1997 das ISGV mit den beiden Arbeitsbereichen Sächsische Landesgeschichte und Volkskunde/Kulturanthropologie hervor.

Mit unserer Reihe „Fundstücke aus dem ISGV“ möchten wir anlässlich des Jubiläums 1926 | 2026 auf die wechselvolle (mehr als) einhundertjährige Geschichte der akademischen Volkskunde in Sachsen, auf ihre Weiterentwicklung zur Kulturanthropologie sowie auf die Innovationen und historischen Kontexte wissenschaftlichen Arbeitens aufmerksam machen. Zwölf Fundstücke beleuchten in diesem Jahr in chronologischer Reihenfolge Aspekte dieser Entwicklung: beginnend mit der ‚Vorgeschichte‘ Ende des 19. Jahrhunderts, über den volkskundlichen Lehrstuhl an der TH Dresden um 1935, die Ideologisierung in der Zeit des Nationalsozialismus, die DDR-Zeit und die Veränderungen nach der sogenannten Friedlichen Revolution bis in die Gegenwart. Folgen Sie uns jeden Monat durch einhundert Jahre akademische Volkskunde in Sachsen, wo wir im Mai auch die ‚magische‘ Zahl von 100 „Fundstücken aus dem ISGV“ erreichen. Alle Beiträge werden – ausführlicher und mit Anmerkungen versehen – auch im 2026er-Jahrgang des Jahrbuchs „Volkskunde in Sachsen“ nachzulesen sein.

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Die Reihe "12 Fundstücke zu Perspektiven volkskundlich-kulturanthropologischer Forschung in Sachsen" ist Teil unseres Vorhabens "2026 – Kultur? WIssenschaft! – 1926" anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Einrichtung eines volkskundlichen Lehrstuhls an der Technischen Hochschule Dresden.

 

 

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