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###UPDATE### Fundstück aus dem ISGV – im Juni 2020

Das Denkmal für König Friedrich August III. in Bad Elster

von Sönke Friedreich

Nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis erschüttern landesweite Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus die USA. Forderungen nach Reformen des Polizei- und Justizwesens und nach einem breiten gesellschaftlichen Kampf gegen Diskriminierung werden begleitet durch öffentliche Demonstrationen und riots, wie sie zuletzt 1992 im Kontext des Justizskandals um Rodney King die Bildschirme beherrschten. Wie schon im Zuge der antirassistischen Proteste 2017/18 werden derzeit auch Denkmäler als Symbole von Entrechtung, Demütigung und Gewalt zum Angriffsziel der Demonstranten. Robert E. Lee, Christoph Columbus, Cecil Rhodes und andere werden wortwörtlich vom Sockel gestoßen – doch warum? 

Welche Qualität haben Denkmäler, dass sie im Alltag oft unbeachtet bleiben, dennoch aber gesellschaftlich relevant erscheinen? Was können uns heute 100 oder 150 Jahre alte Monumente sagen? Und wie ist eigentlich unser eigener Umgang mit Denkmälern?

Denkmäler sind Zeitdokumente. Ihre Paradoxie besteht darin, dass sie für die Ewigkeit gedacht sind, tatsächlich aber rasch veralten. Dass ihre Zahl gerade im Zeitalter des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert stark zugenommen hat, belegt die ihnen zugedachte Funktion als Erinnerungsanker und Identitätsstifter – sie sollten eine vermeintlich glorreiche Zeit und Werteordnung festhalten. Doch die Transformationen der vergangenen 150 Jahre liefen dem zuwider. Wie die kaiserzeitlichen Denkmäler in Sachsen entstanden und auf welche Weise sie die Geschichte von Kontinuität und Wandel spiegeln, wird im Forschungsprojekt „Umstrittene Memoriale. Das ‚Zeitalter des Denkmals‘ in Sachsen“ am ISGV untersucht.

Das Denkmal für König Friedrich August III. in Bad Elster, Postkarte, 1913, Kunstverlag Brück & Sohn
Das Denkmal für König Friedrich August III. in Bad Elster, Postkarte, 1913, Kunstverlag Brück & Sohn

Ein prägnantes Beispiel ist die Geschichte des Friedrich-August-Denkmals von Bad Elster. Ursprünglich geplant als ein Erinnerungszeichen für den 1902 verstorbenen König Albert, wurde es im Zuge des Aufstiegs des Kurbades und der baulichen Erweiterung des Ortes im frühen 20. Jahrhundert gegenüber dem (heute nicht mehr existierenden) Hotel „Wettiner Hof“ in der Mitte eines eingefassten, halbrunden Platzes errichtet. War die Ehrung eines noch lebenden Monarchen bereits ungewöhnlich, so folgte auch die Darstellung des am 12. Juni 1913 eingeweihten, vom Dresdner Bildhauer Gustav Ullrich entworfenen Standbilds nicht den überkommenen Konventionen, nach denen der Fürst mit den Insignien der Macht oder in Uniform dargestellt wurde. Friedrich August III. erschien vielmehr in Jagdkleidung, das Gewehr umgehängt, den Hund bei Fuß. Das Denkmal verband in geschickter Weise das Abbild eines fürstlichen Privilegs mit einem vermeintlich volksnahen Gestus und symbolisierte die besondere Beziehung des Staatsbades zum Königshaus. Es zeigte die Verehrung eines verbürgerlichten, als volkstümlich geltenden Herrschers, der sich zunehmend auf repräsentative Aufgaben zurückgezogen hatte. In ähnlicher Weise war schon 1908 bei Schloss Wermsdorf ein Denkmal für König Albert in Jagdkleidung errichtet worden (Entwurf: Georg Bernkopf).

Die im Rahmen der Metallspende 1940 gesammelten Metallstücke des Sächsischen Staatsbades Bad Elster, darunter das Standbild Friedrich August III., Archiv der Stadt Bad Elster
Die im Rahmen der Metallspende 1940 gesammelten Metallstücke des Sächsischen Staatsbades Bad Elster, darunter das Standbild Friedrich August III., Archiv der Stadt Bad Elster

Wie die meisten monarchischen Denkmäler überstand auch das Standbild in Bad Elster den gesellschaftlichen Übergang vom Kaiserreich zur Republik. Dennoch war seine ‚Lebensdauer’ sehr begrenzt: 1940 wurde es im Rahmen der sog. „Metallspende des deutschen Volkes“ für Kriegszwecke demontiert und eingeschmolzen. Nach 1945 blieb der repräsentative Denkmalplatz zunächst leer, bis 1953 in pointiertem Gegensatz zur Königsverehrung eine Karl-Marx-Büste installiert wurde. Diese sozialistische Umdeutung wurde wiederum Opfer der Transformation nach der Friedlichen Revolution: 1990 wurde die Büste entfernt. Eine neue Nutzung des Denkmalplatzes oder eine Wiederherstellung des ursprünglichen Standbildes unterblieb jedoch.

Heute stehen die Besucher von Bad Elster vor dem Sockel mit der Inschrift „1818 1883“ und dürfen raten, um wessen Lebensdaten es sich handelt. Ganz vergessen wurde der Monarch jedoch nicht: 2014 erneuerte der Dorfclub Sohl einen Gedenkstein für Friedrich August III. auf dem Plattenberg bei Bad Elster, der laut Inschrift an den letzten, vom abgedankten König „am 29. April 1930 auf Elsterer Revier“ erlegten Auerhahn erinnert.

Sockel des ehemaligen Marx-Denkmals in Bad Elster, Foto: S. Friedreich, 2019
Sockel des ehemaligen Marx-Denkmals in Bad Elster, Foto: S. Friedreich, 2019

Wie aktuell die Frage des Umgangs mit historischen Denkmälern ist, zeigen die Denkmalstürze im Kontext der Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA im Mai und Juni 2020. Sie verdeutlichen, dass die Botschaften der Monumente nicht wirklich verblassen – ihre öffentliche Geste mag über lange Zeit unbeachtet bleiben, doch wird sie durch gesellschaftliche Spannungen oft überraschend aktualisiert.

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