Forschen unter Kriegsbedingungen in Kyjiw

Interview mit Gastwissenschaftlerin Nadiia Kravchenko

Dr. Nadiia Kravchenko war von März 2023 bis Februar 2024 m Rahmen der Maria Reiche Postdoctoral Fellowships zu Gast an der Professur für Sächsische Landesgeschichte der TU Dresden von Prof. Dr. Andreas Rutz. Hier hat sie zur Jagd in der Frühen Neuzeit geforscht. Am ISGV war sie in das Forschungsprojekt „PLUS18 – Polen-Litauen und Sachsen im 18. Jahrhundert“ eingebunden. Die Historikerin stammt aus Kyiw und war dort seit 2018 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Nationalen Historischen Museum der Ukraine. Mittlerweise arbeitet sie am Militärhistorischen Museum Kyiw. In einem Interview schildert sie, wie das Leben und Forschen in der ukrainischen Hauptstadt unter Kriegsbedingungen für sie abläuft.

ISGV: Welche Auswirkungen hat der Krieg im strengen Winter der letzten Monate auf die Arbeit Ihres Museums und auf Ihre eigene Arbeit?

Die kalten Wintermonate haben unseren Arbeitsplan stark beeinflusst – wir mussten ihn erheblich kürzen. Der Grund dafür waren die Folgen der russischen kombinierten Raketen- und Drohnenangriffe. Die Heizung im Museum fiel aus, die Temperaturen in den Arbeitsräumen lagen bei 5-8 Grad, teilweise sogar darunter. Anfangs halfen Heizgeräte, aber die Stromkabel und Transformatoren waren ausgelastet und begannen auszufallen. Die „Nacht im Museum” war keine Touristenattraktion mehr, sondern etwas Alltägliches. Es wurde schwierig, etwas zu einzutippen, da einem die Hände auf der Maus und der Tastatur einfroren.

Am stärksten betroffen waren Viertel mit hohen Mehrfamilienwohnhäusern, die vollständig vom Strom abhängig sind – aufgrund der russischen Angriffe und Kälte konnten dort die Rohre einfrieren, und fast alles kann verloren gehen, wenn die Bewohner nicht für Reserveausrüstung gesorgt hatten (in meinem Fall funktioniert der Aufzug und es gibt Wasser im Haus). Allerdings fingen auch die Generatoren an, auszufallen, da die Ersatzgeräte nicht für einen fast dauerhaften Betrieb ausgelegt sind. Zu Verkaufsschlagern wurden Taschenlampen, Campingausrüstung und ganz normale rote Ziegelsteine (Hallo, Mittelalter!). Den Gasherd zu Hause zu haben, bedeutete, ein Glückspilz zu sein, denn viele Stadtbewohner verzichteten zugunsten sichererer Elektroherde darauf. In den Hauschatten begannen die Besitzer von Gasherden, ihre Nachbarn zum Kochen einzuladen. Andere organisierten Picknicks und Partys, um sich aufzuwärmen und zu unterhalten.

Die Kälte begann viele von uns zu verfolgen, die sich weder zu Hause noch bei der Arbeit oder irgendwo in einem Café nicht aufwärmen konnten. Diejenigen, die mehr Glück hatten, saßen den größten Teil des Tages im Warmen, aber Dunkeln. In einigen Fällen war die Situation umgekehrt. Hinzu kamen logistische Schwierigkeiten, da Straßenbahnen und Oberleitungsbusse von den Straßen verschwanden und ein Teil der Busse zu Schienenersatzverkehr wurde, während die Fahrpläne nur noch Schätzungen waren. Fast eine Stunde bei -10 °C auf den Bus zu warten, ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Die Alternative war ein einstündiger Spaziergang bei -14 °C durch vereiste Straßen mit einer Taschenlampe in der Hand. Viele Mitarbeiter der Stadtwerke wurden Militärangehörige, ebenso wie die Fahrer des öffentlichen Nahverkehrs. Die bequemen und warmen deutschen Busse, die Kyjiw freundlicherweise von seiner Partnerstadt Leipzig geschenkt worden waren, fielen manchmal aus – das empfindliche europäische Verkehrsmittel war einfach nicht für ständige Fahrten bei -17 °C ausgelegt. Die Fenster der Busse waren so vereist, dass man nicht sehen konnte, was draußen auf der Straße vor sich ging.

Unwillkürlich wurde Humor für uns zu einer Rettung. In der Ukraine wird grundsätzlich viel gescherzt, auch wenn der Humor manchmal sehr schwarz ist – das ist eine Schutzreaktion der Psyche. Der Satz „Die Russen wollen uns bombardieren, wir müssen die Waschmaschine anstellen” klingt äußerst absurd, wenn man nicht in der Ukraine ist – durch die Bombardierungen können Strom und Wasser ausfallen, aber so hat man wenigstens saubere Kleidung. Als der Freund meines Abteilungsleiters, ein Armeeangehöriger, für ein paar Tage zu Besuch kam, scherzte er, dass seine Wohnung mit einer Temperatur von +8 °C einem Unterstand ähnelt, aber hier tropft nichts. Bei den Versuchen, die Heizung wieder in Gang zu bringen, begann es jedoch im Haus zu tropfen – aufgrund von Druckschwankungen platzen die Heizkörper und Rohre. In unserem musealen «Unterstand» passierte dasselbe.

Anfang März gelang es, die Stromversorgung in der Stadt zu stabilisieren, Straßenbahnen und Oberleitungsbusse fuhren wieder, und die Heizung in den Häusern wurde teilweise wiederhergestellt. Dies geschah dank der selbstlosen Arbeit zahlreicher Mitarbeiter der Stadtwerke, von denen einige 750 km in die Hauptstadt fuhren und manchmal mehr als 16 Stunden am Tag arbeiteten. Wir sind der EU (und natürlich auch Deutschland) sehr dankbar für die Hilfe mit der Ausrüstung für unsere Infrastruktur, die Raketen und Geschosse für die Luftabwehr und humanitären Hilfsgütern.


ISGV: Wie sieht das kulturelle Leben derzeit in Kyjiw aus? Gibt es weiterhin kulturelle Veranstaltungen wie Theater- und Konzertaufführungen?

Insgesamt gibt es in der Ukraine weniger Konzerte, der Markt ist sehr lokal. Es gibt jedoch Künstlerinnen und Künstler, die Säle mit einer Kapazität von bis zu 7.000 Personen füllen können. Unerwartet stürmte der Schriftsteller Serhij Schadan diese Community, dessen Gedichtlesungen den Palast des Sports füllten (in dieser Halle fand 2005 der Eurovision Song Contest statt). Stadionkonzerte gehören aufgrund von Sicherheitsvorschriften vorerst der Vergangenheit an. Post-Punk hat an Popularität gewonnen – diese Musik ähnelt ein wenig Depeche Mode und Kraftwerk. Rave-Partys, ähnlich wie in Berlin, gibt es auch noch, vielleicht nicht mehr in demselben Maßstab. Während der Kältewelle gingen Videos von DJ-Sets auf dem Eis in den sozialen Netzwerken viral, wo sich die Leute versammelten, um sich ein wenig aufzuwärmen und zu amüsieren.
Das Theaterleben in Kyjiw ist ziemlich aktiv – für manche Aufführungen ist es schwierig, Tickets zu bekommen. Dieser schwierige Winter war keine Ausnahme. Die Theater arbeiteten trotz allem weiter – die Zuschauer saßen in Winterkleidung im Saal, alle Plätze waren besetzt. Kulturelle Veranstaltungen sind in schwierigen Zeiten Balsam für die seelische Gesundheit.

Unser Buchmarkt ist dank der bereits vor 2022 beschlossenen Einfuhrbeschränkungen für russische Bücher (russische Verlage betrieben Dumping und hatten vor 15 Jahren einen Marktanteil von etwa 80 %) und dank Fördermitteln stark gewachsen. Das Verlegen von Büchern ist zu einem echten Geschäft geworden, und das Übersetzen hat sich von einem Hobby zu einem Beruf entwickelt. Ein großes Zentrum in diesem Bereich war und ist Charkiw, das ständig unter Beschuss steht. Eine Freundin meiner Familie, die Redakteurin ist, arbeitete hier im März 2022 an einem Kinderbuch, weil die Deadline anstand – zu dieser Zeit zerstörte die russische Luftwaffe Nord-Saltivka, eines der größten Wohngebiete Europas, indem sie riesige Fliegerbomben und Raketen auf 16-stöckige Gebäude warf. Im Mai 2024 vernichteten drei russische Raketen die Druckerei „Faktor-Druk“ – 50.000 Bücher gingen in Flammen auf, qualifizierte Mitarbeiter mit seltenen Berufen kamen ums Leben. Die Leser überschütteten das betroffene Verlagshaus mit Bestellungen, um dabei zu helfen, sich von den Verlusten zu erholen. Solche Nachrichten erscheinen in den Nachrichten neben Berichten über die Zerstörung von Bibliotheken in den Frontgebieten und die Beschlagnahmung ukrainischsprachiger Bücher in Bibliotheken in den besetzten Gebieten. Es geht nicht mehr nur um Lehrbücher für ukrainische Sprache oder Geschichte – aus den Regalen der Bibliotheken verschwinden sogar Bücher von Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, die noch in der UdSSR veröffentlicht wurden und zu Zeiten der totalen Zensur keine Fragen aufwarfen. Insgesamt gibt es auf unserem Markt jetzt viel übersetzte Literatur, es sind Literaturwissenschaftler und eigene Literaturstars aufgetaucht, für deren Lesungen man sich zwei Monate im Voraus anmelden muss, trotz Beschuss, Kälte und Dunkelheit, und dann noch stundenlang in der Schlange stehen, um sich das Buch vom Autor unterschreiben zu lassen. Es gibt deutlich mehr Sachbücher – im vergangenen Jahr fand sogar ein thematisches Buchfestival statt. In den großen Städten entstanden neue Buchhandlungen, von denen einige zu Kulturzentren wurden, ähnlich wie die Thalia-Buchhandlung in Dresden, wenn auch deutlich kleiner.

Im Museumsbereich ist die Digitalisierung zum Trend geworden – dank der Hilfe westlicher Institutionen haben Museen begonnen, ihre Bestände aktiv zu digitalisieren (bisher war der Umfang deutlich geringer). Zahlreiche Sammlungen wurden inzwischen in sicherere Regionen, weit weg von der Front, evakuiert. Es gab zahlreiche Fälle, in denen Museumsgebäude bei Beschuss zerstört oder beschädigt wurden und die Mitarbeiter sich verstecken, fliehen oder Opfer von Repressionen wurden (ähnliches passierte bereits 2014). Das Interesse an der Kunst der Boichukisten (dieser Trend zur ukrainischen Version der „Entarteten Kunst“ war bereits 2016-2018 zu beobachten) und insbesondere an der Avantgarde der 1960er Jahre hat zugenommen.

ISGV: Arbeiten Sie weiterhin an Ihrem Projekt über die Jagd in der Frühen Neuzeit und zur musealen Darstellung der Jagd? Haben Sie ein neues Projekt, das Sie verfolgen können?

Ich dachte, ich sollte mir die Haare waschen, aber besser wohl morgen. Und dann kam mir der Gedanke, dass es morgen vielleicht kein Wasser, keine Heizung, keinen Strom geben könnte... keine Wohnung, in der ich das tun könnte, und auch keinen Kopf mehr.“ Diesen Witz erzählte die ukrainische Regisseurin Iryna Tsilyk dem Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau in Dänemark. Aber im Ernst: In der Ukraine ist es schwierig, irgendetwas zu planen. Ich würde gerne in Zukunft ein Buch über die Geschichte der Jagd veröffentlichen. Bisher habe ich zwei Artikel geschrieben, die ohne die Bücher aus der SLUB und den Besuch der sächsischen Museen nicht entstanden wären. Einen davon habe ich unter dem Pfeifen von Schahed [Drohne] fertiggeschrieben – hätte in diesem Moment eine Drohne mit 50 kg Sprengstoff (derzeit wiegt ihre Kampfladung bis zu 90 kg) mein Zimmer getroffen, wären meine Überlebenschancen gering gewesen. Jetzt musste ich aufgrund meines Wechsels vom Historischen Museum zum Militärhistorischen Museum meinen Interessenbereich in Richtung Militärgeschichte verlagern. Das Nationale Militärhistorisches Museum der Ukraine hat sich an der Gründung des Ukrainischen Museums in Berlin auf der Grundlage des Berlins Story Bunkers beteiligt. Ich empfehle Ihnen daher, diese Ausstellung zu besuchen, wenn Sie die Möglichkeit dazu haben.


ISGV: Welche Hoffnung haben Sie persönlich?

Unsere Facebook-Feeds erinnern manchmal an eine Sammlung von Nachrufen zwischen Spendensammlungen. Es ist schmerzlich zu wissen, dass Hunderte von Sportlern ihre Auszeichnungen nie erhalten werden, verstorbene Schauspieler nie zu großen Stars werden und Schriftsteller, ihre Gedichte und Prosa nie veröffentlichen werden. 167 Wissenschaftler (darunter sind Historiker, Archivare und Archäologen) werden ihre Artikel nie schreiben, und einige Dissertationen werden nie fertiggestellt werden. Die Nachrichten versetzen uns manchmal in die Realität des 17. Jahrhunderts, der Weltkriege, von „Game of Thrones“ oder eines Computer-Shooters. Doch wie der derzeitige Botschafter in Großbritannien, General Walerij Saluschnyj, sagte: „Es wird noch schwer für uns werden, aber es wird uns sicherlich nicht mehr schämen“.

ISGV: Wir danken für das Interview und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute!

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