Nachruf

Wolfgang Brückner (1930–2026)

Wolfgang Brückner, Foto: Markus Hauck (POW)
Wolfgang Brückner, Foto: Markus Hauck (POW)

von Enno Bünz

Am Morgen des 20. Januar 2026 ist Wolfgang Brückner im Alter von 95 Jahren in Würzburg verstorben. Brückner gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des Faches Volkskunde in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Deshalb war es ein Glücksfall, dass er bei der Gründung des ISGV für den wissenschaftlichen Beirat gewonnen werden konnte, dem er bis 2006 angehörte. Er hat damit zur Etablierung und Profilierung des ISGV, insbesondere des Bereichs Volkskunde, beigetragen.

Das Fach Volkskunde hat Wolfgang Brückner, der sich bereits früh mit den schwierigen Traditionen und ideologischen Implikationen seiner Disziplin auseinandergesetzt hat, in staunenswerter Breite vertreten. Er selbst verstand sich als historischer Kulturwissenschaftler, der einen breiten Horizont vom Mittelalter bis in die Gegenwart hatte. Die methodische und thematische Entwicklung des Faches Volkskunde zur Europäischen Ethnologie bzw. Kulturanthropologie hat Brückner selbst kritisch wahrgenommen. Vor allem der historische Substanzverlust eines Faches, das mittlerweile vorwiegend gegenwartsorientiert arbeitet, stimmte ihn skeptisch.

Brückner wurde am 14. März 1930 im hessischen Fulda geboren, wuchs aber, da der Vater als Lehrer versetzt wurde, in Rosenberg und Hindenburg (Oberschlesien) auf. Der Vater kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Die Mutter flüchtete mit ihren fünf Kindern aus Schlesien ins heimatliche Dresden, wo die Familie den verheerenden Bombenangriff im Februar 1945 überstand. Besonders eingeprägt hat sich Wolfgang Brückner in der Endphase des Krieges ein Eisenbahntransport mit KZ-Häftlingen, der Dresden passierte. Die ausgebombte Familie konnte zunächst bei Verwandten in Meißen unterkommen, flüchtete dann aber weiter in den Heimatort des Vaters, der in Weißrussland gefallen war, nach Freigericht in Hessen. Das Abitur legte Brückner 1949 in Gelnhausen (Hessen) ab, begann dann in Frankfurt das Studium der Fächer Philosophie, Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde, das ihn zeitweilig auch nach Marburg, Göttingen und Kiel führte. Im Studium lernte er seine Frau Annemarie, geb. Schmitt (1933–2022) kennen, die an der Universität Frankfurt 1959 mit einem mittellateinischen Thema promoviert wurde. Aus der Ehe gingen zwei Kinder (Elisabeth und Michel) hervor. Bis zu ihrem Tod war sie ihrem Mann eine unverzichtbare Stütze im Alltag wie auch bei der wissenschaftlichen Arbeit und las alle seine Texte mit kritischem Blick.

Wolfgang Brückner hat seit Mitte der 1950er Jahre eine unglaubliche Produktivität entfaltet und diesen rastlosen Arbeitsimpetus bis ins hohe Alter durchhalten können. Der Dissertation über die Verehrung des Heiligen Blutes in Walldürn (1955) und der Habilitationsschrift über Bildnis und Brauch (1964) folgten zahlreiche weitere Monographien, Aufsätze und Artikel zu Themenfeldern wie religiöse Volkskunde, Frömmigkeitsgeschichte, populäre Druckgrafik, Hinterglasmalerei, Erzählforschung, Alltagskultur, Bilddenken, Realienkunde und Museologie, nicht zuletzt aber auch zur Geschichte und Profilierung des Faches Volkskunde. Einzelne Arbeitsfelder und Monographien hier hervorzuheben, wäre fast beliebig und würde den Rahmen sprengen. Nur sein letztes großes Buch sei hier kurz angesprochen, die mit langem Atem vorbereitete Darstellung „Die Hand für das Bildgedächtnis. Digitale Kulturtechniken der Verständigung“ (Regensburg 2020), in der Brückner noch einmal alle Register seines Könnens gezogen und seine Gelehrsamkeit auf vielen Feldern demonstriert hat. Seine gesammelten Schriften hat Brückner selbst zwischen 2000 und 2018 in 16 thematisch konzipierten Bänden herausgegeben und durch Register vorbildlich erschlossen. Es gehörte zu den Stärken Brückners, dass er nicht nur umfangreiche Monographien und fundierte Forschungsbeiträge in Aufsätzen veröffentlichte, sondern in zahllosen kleineren Beiträgen und Artikeln, die er beispielsweise laufend für die von ihm 1974 bis 1998 herausgegebenen Bayerischen Blätter für Volkskunde schrieb, zu Fach- und Zeitfragen, aktuellen Debatten und Entwicklungen Stellung nahm, immer kenntnisreich, vielfach geistreich und anregend, gerne aber auch polemisch und zuspitzend. Brückner hat sein Fach nicht nur wissenschaftlich geprägt, sondern als Zeitgenosse und teilnehmender Beobachter kritisch begleitet.

Seit 1968 hatte Brückner eine Professur für Volkskunde an der Universität Frankfurt am Main inne. Dort entstand neben vielen anderen Werken unter seiner Leitung das Großprojekt „Frankfurter Wörterbuch“, das 1988 in sechs Bänden erfolgreich abgeschlossen wurde und die Breite der Forschungsinteressen von Brückner unterstreicht. 1973 folgte Brückner einem Ruf an die Universität Würzburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1998 den Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Volkskunde innehatte und eine stattliche Zahl von Schülern gewann. Brückner war ein begeisterter (und begeisternder) akademischer Lehrer und Vermittler, der durch Publikationen, Ausstellungen und Vorträge auch in die breite Öffentlichkeit wirkte. Einem größeren Publikum wurde Brückner als Fachmann für religiöse Volkskunst in der Fernsehserie „Kunst + Krempel“ des Bayerischen Rundfunks bekannt.

Würdigungen und Ehrungen sind Wolfgang Brückner in großer Zahl zuteilgeworden. Genannt seien nur der Päpstliche Gregoriusorden, die Theodor-Heuss-Medaille des Germanischen Nationalmuseums, der Bayerische Verdienstorden und der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Zum 80. Geburtstag ehrten ihn seine Schüler und Kollegen mit der umfangreichen Festschrift „Bilder - Sachen - Mentalitäten. Arbeitsfelder historischer Kulturwissenschaften“. Anlässlich seines 95. Geburtstags veranstaltete der Würzburger Diözesangeschichtsverein ein Kolloquium, das die wissenschaftlichen Leistungen Brückners herausstellte. Dabei wurden vor allem die Themenschwerpunkte Wallfahrtsforschung, religiöse Volkskunde, Protestantismusforschung und populäre Druckgraphik sowie seine Verdiente um das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und die Fernsehsendung „Kunst + Krempel“ gewürdigt (die Beiträge sind jüngst erschienen in: Würzburger Diözesangeschichtsblätter 88, 2025, S. 23-75).

Die gewaltige wissenschaftliche Produktion entstand in steter Wechselwirkung mit der akademischen Lehrtätigkeit, aus der zahlreiche Qualifizierungsarbeiten hervorgegangen sind (die z. T. in der Buchreihe „Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte“ erschienen sind, die bis Band 63 von Wolfgang Brückner und Lenz Kriss-Rettenbeck herausgegeben wurde), und der Mitwirkung in vielen wissenschaftlichen Gremien, von denen Brückner das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg besonders am Herzen lag. Dem Beirat des 1997 in Dresden gegründeten Instituts für sächsische Geschichte und Volkskunde hat Brückner ein Jahrzehnt angehört und den Aufbau des Instituts begleitet. Mit Dresden fühlte er sich durch die Herkunft seiner Mutter sehr verbunden. Wolfgang Brückner war aber nicht nur ein hochproduktiver Forscher und Wissenschaftsorganisator, sondern auch ein talentierter Netzwerker, der viele an seine Seite zog. Wichtige Weggefährten waren etwa Kurt Köster (1912–1986) in Frankfurt, Hans Dünninger (1926–1991) in Würzburg, Bernward Deneke (1928–2018) in Nürnberg und Lenz Kriss-Rettenbeck (1923–2005) in München.

Die Würdigung Wolfgang Brückners wäre unvollständig, wenn man nicht seine großen Verdienste um das kulturelle Leben Frankens und insbesondere das mainfränkische Bistum Würzburg hervorheben würde. Von 2006 bis 2013 war er Mitglied der Kunstkommission des Bistums Würzburg. Brückner war praktizierender Katholik, der über Formen der religiösen Volkskunde nicht nur produktiv forschte, vor allem zur Geschichte des Wallfahrtswesens seit dem späten Mittelalter, sondern seinen Glauben aktiv lebte. Mehrfach nahm er an der Würzburger Wallfahrt zum Kreuzberg in der Rhön im August teil, worüber er ein wichtiges Buch (1997) geschrieben hat. Glauben, wie Brückner ihn verstand, begrenzte nicht seine wissenschaftlichen Interessen, sondern beförderte sie. Kritisch bemerkte er gelegentlich, man dürfe heutzutage als Wissenschaftler alles sein, nur nicht fromm. Konfessionelle Enge war Brückners Sache nicht. In Bad Windsheim förderte er maßgeblich die Einrichtung des Museums Kirche in Franken, das 2006 in der Spitalkirche als Teil des Fränkischen Freilandmuseums eröffnet wurde und in dessen Mittelpunkt lutherischer Glauben und Frömmigkeit stehen. Das grundlegende Buch über die lutherischen Bekenntnisgemälde des 16. bis 18. Jahrhunderts (2007) stammt aus seiner Feder. Seinen wissenschaftlichen Nachlass hat Brückner Archiv und Bibliothek des Bistums Würzburg übergeben.

Wolfgang Brückner konnte auf ein privat wie beruflich erfülltes Leben zurückblicken. Der Tod seiner Frau 2022 markierte zwar eine schmerzliche Zäsur, aber auch danach steckte Brückner noch voller Pläne, forschte und schrieb weiter. Noch im Herbst 2025 – im Heiligen Jahr – konnte er mit seinem Sohn und einigen seiner akademischen Schüler eine Reise nach Rom unternehmen. Bald danach stellten sich unvermittelt gesundheitliche Einschränkungen ein und die Kräfte schwanden schnell, sodass er gezwungen war, sein geliebtes Haus zu verlassen und in das Seniorenheim des Würzburger Juliusspitals überzuwechseln, wo er bis zuletzt von seinem Sohn und einigen Schülern besucht und begleitet wurde. Am 30. Januar 2026 wurde er nach einem Requiem in der Würzburger Neumünsterkirche von einer großen Trauergemeinde zur letzten Ruhe auf dem Hauptfriedhof begleitet. Für sein Sterbebild hatte er die betenden Hände von Markus Lüppertz aus dem Ecce-Homo-Fenster von St. Andreas in Köln (2007/10) und das Epigramm „Des Menschen Alter“ von Friedrich von Logau (1605–1655) ausgewählt: „Ein Kind – vergißt sich selbst; ein Knabe – kennt sich nicht; ein Jüngling – acht sich schlecht; ein Mann – hat immer Pflicht; ein Alter – nimmt Verdruß; ein Greis – wird wieder Kind: Was meinst du, was doch dies für Herrlichkeiten sind?

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