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Fundstück aus dem LGA – im Januar 2019

Neidköpfe (Sammlung Neidhardt)

An Torbögen, Giebeln, Mauern mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Häuser und Kirchen sind sie hin und wieder zu entdecken: Fratzen mit menschlichen, tierischen oder mischwesenhaften Zügen, mit weit aufgerissenen, übergroßen Augen, offenen Mündern und herausgestreckten Zungen. Damit ahmen sie mimisch Spott und Hohn nach oder bilden mit ihren Gesichtern das vom Menschen vorgestellte Böse ab. Heutzutage werden sie vor allem als außergewöhnlicher Schmuckbestandteil an Gebäuden angesehen. Ihr ursprünglicher Zweck ist jedoch keineswegs ein bloßer ästhetischer Kommentar, sondern viel mehr die Schutzfunktion für die BewohnerInnen: Durch ihre Präsenz sollen Dämonen und Geister abgewehrt sowie ungebetene ZeitgenossInnen oder unmoralische Gefühle, wie Neid und Missgunst auf Distanz gehalten werden. Das gilt insbesondere für Kriegs- und Krisenzeiten, in denen die steinernen oder hölzernen mitunter handtellergroßen Reliefs ihre Konjunktur erlebten.

Der Berliner Schriftsteller Alexander Cosmar bezeichnete diese relief- oder vollplastischen Figurationen in seinem Buch „Sagen und Micellen aus Berlin`s Vorzeit“ 1931 erstmals als Neidkopf. Das Wort selbst stammt vom Althochdeutschen nid ab, was übertragen Hass, Zorn oder Neid bedeuten kann. Auch der sächsische Kunsthistoriker und Museumskurator Hans Joachim Neidhardt widmete sich diesem kulturellen Phänomen. Die am Institut für sächsische Geschichte und Volkskunde überlieferte Sammlung enthält 40 Diabilder und ca. 240 Bildkarten von Neidköpfen aus verschiedenen europäischen und außereuropäischen Ländern, Arbeitsnotizen sowie eine wissenschaftliche Arbeit (1957).

Die Materialien im LGA des ISGV
http://lga.isgv.de/

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