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Fundstück aus dem ISGV – im September 2022

Einschulung

von Claudia Dietze

Derzeit kann man vielerorts wieder Kinder beobachten, die stolz ihre Zuckertüten vor sich hertragen. Hübsch herausgeputzt schleppen sie mitunter viel zu schwere Tüten, die meist größer als sie selbst sind. Dabei fing die Gabe der Zuckertüte mit einem kleinen zusammengerollten, mit Süßigkeiten gefüllten Papier an. Seit dem 18. Jahrhundert schenkt man sog. Zuckerdüten, Schultüten oder Ostertüten zum ersten Schultag, aber auch zu anderen Anlässen, wie der Geburt von Geschwistern oder bei dem Besuch von Verwandten. Inhalt war lange Zeit Konfekt, also gezuckerte Früchte oder Rosinen, Bonbons und Konditorwaren, wie Zuckerbrot, Brezeln oder Makronen. Später kamen Schreibutensilien wie Griffel und Tafel und kleine Spielzeuge hinzu. Die Schultüte aus Karton, wie sie heutzutage Verwendung findet, wurde Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt. Seitdem ist sie in den unterschiedlichsten Ausführungen zu finden, mit Luxuspapieren oder Spitze versehen, mit Metallfolien und Bildchen beklebt oder bedruckt mit Motiven aus aktuellen Kinderfilmen und -literatur

Zuckertütenbaum in Torgau, 2004, ISGV-BSNR: 114054.
Zuckertütenbaum in Torgau, 2004, ISGV-BSNR: 114054.

Eine andere Tradition, die gerade im mitteldeutschen Raum neben der Zuckertüte auch zur Einschulung gehört, ist die des Zuckertütenbaums. Seine Früchte, die Zuckertüten, sind erst dann reif, wenn das jeweilige Kind eingeschult wird und dürfen dann von ihm gepflückt werden. Oft wird das Zuckertütenbaumfest im Kindergarten, vor der Einschulung gefeiert.

Beliebte Beigabe an das Kind waren und sind Grußkarten, die, mit oder ohne Geldgeschenk, ein kindliches Motiv, manchmal einen pädagogischen Spruch und ein Glückwunschsätzchen enthalten. Weitere Geschenke sind Schreib- und Lernmaterialien, Süßigkeiten und Spielzeug.

Ein besonderes Geschenk, das Eltern ihren Schulanfängern ab der Mitte des 19. Jahrhunderts machen konnten, war das „Zuckerdütenbuch für alle Kinder, die zum ersten Male in die Schule gehen“ des Dresdner Lehrers Moritz Heger. Es erzählt die Geschichte von Anton, der bald in die Schule kommt.

Für Mädchen war die Geschichte vielleicht unattraktiv, deshalb verfasste Heger etwas später das „Neue Zuckerdütenbuch für alle Knaben und Mädchen, die zum ersten Male in die Schule gehen“ und zu Anton gesellte sich Bertha. Entstanden sind zwei Bücher, die den Geist ihrer Zeit widerspiegeln, die man aber mit Kindern auch heute noch ansehen kann. Und Erwachsene können sich im zweiten Teil des Buches, durch die Anekdoten und erzieherischen Sprüchlein an ihre eigene Kindheit und Schulzeit erinnert fühlen.

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