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Fundstück aus dem ISGV – im September 2021

Typisch Sächsisch? Ergebnisse einer Straßenbefragung in Dresden – November 1998

von Claudia Pawlowitsch

Vor 23 Jahren, im Jahr 1998, gingen der damalige Bereichsleiter für Volkskunde am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Michael Simon, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Monika Kania-Schütz in einer Straßenbefragung dem Thema nach, was die Menschen für »typisch Sächsisch« halten. Mit einer Kamera begleitete sie Jörg Hennersdorf.

Eine Vielzahl der 150 zufällig angesprochenen Dresdner:innen und Tourist:innen konnte zunächst mit der Fragestellung nichts anfangen. Nicht nur die Idee, assoziativ und spontan zu antworten, musste ihnen von den Interviewer:innen erst erklärt werden, auch war der Fragegegenstand selbst (»sächsisch«) oft kein mit Inhalt gefüllter Begriff. Trotz kurzer Bedenkzeit konnte etwa ein Viertel der angesprochenen Personen nichts zum Thema sagen. Vielleicht war dies dem Umstand geschuldet, dass sich das erst 1990 wiedergegründete Bundesland noch eine explizite Eigenerzählung geben musste und beispielsweise von späteren nicht immer unumstrittenen Imagekampagnen, wie »Sachsen für Sachsen« (1999), die Etablierung der ökonomischen Dachmarke »so geht sächsisch« oder dem Volks- und Heimatfest »der Sachsen« (1992) aufgegriffen wurden.

Auch dort wurde und wird sich mal mehr oder weniger stark dem Topoi des »Typischen« bedient. Dieser geht davon aus, dass es einen charakteristischen »sächsischen« Typus gibt, der sich einerseits von anderen Bundesländern abgrenzt, andererseits von einem Großteil der in Sachsen lebenden Menschen anerkannt wird. Die Antworten der Umfrage fielen dazu sehr vielfältig aus: Sowohl Essen und Kochkunst, die Architektur oder Kultur und Naturlandschaften und immaterielle Bezüge wie Sprache oder charakterliche Eigenschaften fanden Erwähnung.

Als besonders typisch empfanden 44 Personen den sächsischen Dialekt. Bei genauerem Hinsehen ist diese vielleicht sehr naheliegende Antwort jedoch nicht ganz richtig, denn Sächsisch wird, wie im südlichen Vogtland, dass dialektal eher nordbairisch geprägt ist, nicht überall gesprochen. Auch sind die mundartlichen Sprachgrenzen Richtung Brandenburg und Thüringen eher fließend. Mit einigem Abstand folgt der Gedanke von der Existenz einer »sächsischen Gemütlichkeit« oder der Feststellung, die Sächs:innen seien besonders (gast-) freundlich. Weniger schmeichelnd sind hingegen die Antworten: konfliktscheu, keine Menschenliebe und Ruppigkeit.

Da die Straßenumfrage in Dresden stattfand, ist es nicht überraschend, dass die Dresdner Altstadt und der Dresdner Striezelmarkt im Gegensatz zu Meißen, dem Erzgebirge und der Festung Königstein besonders hervorgehoben werden. Andere Regionen wie die Oberlausitz, Leipzig, Mittel- oder Nordsachsen, das Vogtland finden keine Erwähnung. Ebenso scheint die anstehende Vorweihnachtszeit einen Einfluss auf die Gedanken der Befragten gehabt zu haben. Der Stollen und der Striezelmarkt werden im Gegensatz zur Eierschecke sehr oft assoziiert. Speisen wie Bock- und Bratwurst sowie das Fischbrötchen, die insbesondere anderen Regionen Deutschlands kulinarische Werbeträger sind, wurden genannt. Andere feinschmäckerische Besonderheiten wie Leipziger Lerche und Allerlei oder Bautzner Senf fanden hingegen keine Erwähnung. Eine explizit »sächsische Küche« vermag aber nur eine Person auszumachen.

Die Vorstellungen von dem, was typischerweise sächsisch ist, sind vor allem von der Befragungsumgebung geprägt und haben im Wesentlichen einen starken Regionalbezug. Gleichsam sind sie durchaus sehr fluide: Hätten die Interviewer:innen die selbe Frage an einem anderen Ort oder zu einer anderen Jahreszeit gestellt, wären die Resultate anders ausgefallen.

Flexibel sind die Auffassungen auch auf einer zweiten Ebene: »Sächsisch« ist viel mehr eine persönliche, von Empfindungen und Erfahrungen imaginierte, als politische Kategorie, denn niemand bezieht seine Antwort auf den Freistaat.

Neben den Ausführungen der Befragten beinhaltet der 98-minütige DV-Film zudem eine zusätzliche Bedeutungsschicht, die auch über die Forschenden und ihrer Vorstellung zum Topos des »typisch Sächsischen« Zeugnis ablegt; in Bildauswahl und szenischer Setzung wird die Antwortsuche deutlich. So zitieren die Filmaufnahmen, die ausschließlich im öffentlichen Raum aufgenommen wurden, schon 1998 diejenigen Bauwerke und Kunstdenkmäler wie die Frauenkirche, den Fürstenzug und den Goldener Reiter, die die mediale Darstellung von Dresden und Sachsen bis heute dominieren. Vielleicht im Sinne einer bildlichen Sinn-Recherche richtete Hennersdorf die Kameralinse oft auf Aufschriften – meist Werbebanner –, die den Begriff »Sachsen« oder »sächsisch« schon im Namen tragen.

Das vorgestellte Fundstück des Monats September steht exemplarisch für die etwa 300 im Institut gelagerten audio- und audiovisuellen Medien, die volkskundliches und ethnografisches Forschen aus der Zeit zwischen 1994 und 2011 dokumentieren.

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