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Fundstück aus dem ISGV – im September 2020

Heimat per Post – die „Sächsischen Heimatbriefe“, 1934-39

von Sönke Friedreich

Die erste Seite des ersten
„Sächsischen Heimatbriefes“,
Oktober 1934

„Lieber Landsmann! Wenn Du draußen in der Ferne heute zum ersten Mal unseren Heimatbrief liest, so soll das wie ein starker Händedruck sein von Einem zum Anderen, wie zwischen Kameraden, die sich begegnen und zusammenhalten wollen.“ Mit diesen Worten beginnt der erste „Sächsische Heimatbrief“, den der Landesverband Sachsen des „Volksbundes für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) im Oktober 1934 an sächsische Auswanderer*innen und deren Nachkommen in aller Welt verschickte. Der „Heimatbrief“ war der Auftakt zu einer Reihe von insgesamt 18 gedruckten „Briefen“ im Umfang zwischen 4 und 96 Seiten, mit denen der VDA die Bande zwischen den sogenannten „Auslandsdeutschen“ und der Bevölkerung im Deutschen Reich enger knüpfen und eine positive Einstellung zum Nationalsozialismus verbreiten wollte. Er ist ein eindrückliches Zeugnis der Versuche völkischer Ideologen, mittels der Instrumentalisierung von „Heimat“ auf politische Diskurse Einfluss zu nehmen und eine totalitäre Gesellschaftsordnung zu propagieren.

 

Der VDA war der älteste und größte Volkstumsverband in Deutschland. Nachdem sich 1880 ein „Deutscher Schulverein“ in Wien gegründet hatte, um die vermeintliche Zurückdrängung deutscher Sprache und Kultur in der Habsburgermonarchie zu bekämpfen, entstanden ab 1881 in rascher Folge ähnliche Schulvereine in zahlreichen deutschen Städten, so auch in Sachsen. Der „Allgemeine Deutsche Schulverein“ benannte sich 1908 in „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (seit 1933 „Volksbund für das Deutschtum im Ausland) um. Sein Ziel, die Erhaltung des „Deutschtums“ im Ausland und die Verhinderung jeder Art von „Assimilation“, versuchte er vor allem durch die Förderung der kulturellen und schulischen Arbeit der deutschen Minderheiten zu erreichen. Der Verein, der sich als unpolitisch betrachtete, wuchs seit seiner Gründung von 1.345 Mitglieder auf über 45.000 Mitglieder 1910 an. Mit den Gebietsverlusten von 1919 und der Verbreitung völkischer Ideen in der Weimarer Republik gewann der VDA eine wachsende Anhängerschaft (1930: 2 Mill. Mitglieder) sowie politischen Einfluss. Insbesondere in Polen, Österreich und der Tschechoslowakei baute er seinen Einfluss aus. 1933 schaltete der VDA sich selbst gleich, sah man doch unter dem Nationalsozialismus neue Entfaltungsmöglichkeiten.

Zu den vorrangigen Aktivitäten der 1930er-Jahre zählten die Bemühungen, über verschiedene Propagandamedien die „Auslandsdeutschen“ zu Anhängern des neuen Systems zu erziehen und dieselben als Propagandisten des Nationalsozialismus im Ausland einzusetzen. Dabei spielte der Appell an das Heimatgefühl eine entscheidende Rolle. Mehrere Landesverbände des VDA errichteten sog. „Forschungsstellen“, die in loser Folge „Heimatbriefe“ herausgaben und an die im Ausland lebende deutschsprachige Bevölkerung verschickten. Der Landesverband Sachsen besaß hierbei eine Vorreiterrolle: In keiner anderen Region wurden die „Heimatbriefe“ so früh und in so zahlreichen Ausgaben verschickt. Die oft reich illustrierten „Briefe“ enthielten kurze Berichte über regionaltypische Sehenswürdigkeiten, Landschaftsbeschreibungen und Verweise auf Volkskunst, Bräuche und Feste. Zugleich wurde die Leserschaft aufgefordert, Briefe mit kurzen Lebensschilderungen zu schicken, die ihrerseits zu Propagandazwecken in Publikationen des VDA sowie des Heimatwerkes Sachsen abgedruckt wurden. Bezugspunkt der „Heimat“ war stets die Herkunftsregion, wobei ein stark gefühlsgeladenes Szenario entworfen wurde – Sentimentalität im Dienst völkischer Ideologie.

Die „Heimatbriefe“ und die Antwortschreiben von Auswander*innen sächsischer Herkunft stellen eine Korrespondenz dar, in der Propaganda, Heimatvermittlung in einer zunehmend vernetzten Welt und individuelle biografische Quellen auf spezifische Weise miteinander verschmolzen sind. In keiner anderen Region hat sich eine so große Fülle von Schreiben von „Auslandsdeutschen“ an den VDA erhalten. Ihre Bedeutung für die sächsische Migrationsgeschichte wird seit kurzem im neuen Projekt „Briefe von ‚Auslandsdeutschen‘ als lebensgeschichtliche Zeugnisse, 1934-39“ untersucht.

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