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Fundstück aus dem ISGV – im Oktober 2021

Der Pariser Nussknacker: Spottfiguren in Wort, Bild und Form

von Nadine Kulbe und Ira Spieker

Spott und Schmähung sind kulturelle Konstanten. Zu allen Zeiten wurden und werden Menschen mit Worten und Bildern aufgrund ihres Aussehens oder Verhaltens, ihrer Handlungen oder Entscheidungen, ihres Wissens oder ihrer Unkenntnis, ihrer Stellung oder Profession mit Ironie und Sarkasmus belegt und beleidigt, vorgeführt oder beschimpft. Spott changiert zwischen (fast) harmlosem Scherz über Sarkasmus bis hin zu Häme und Herabsetzung. Das Ziel können Individuen oder Gruppen (bis hin zu Ethnien und Nationen) sein. Die despektierlichen Äußerungen werden im privaten Rahmen ebenso wie im öffentlichen Raum oder natürlich über mediale Vermittlung verbreitet. Zahlreiche Spottlieder, Schmähschriften und Karikaturen sind sprechende Beispiele hierfür. Eine Funktion ist die politische Instrumentalisierung. Ein relativ aktuelles Beispiel bieten die auf ‚Anti-Corona-Demonstrationen‘ verwendeten Plakate, die Politiker*innen, Mediziner*innen und Journalist*innen in Sträflingskleidung und mit dem Aufdruck „SCHULDIG“ zeigen. Der Grat zwischen Witz und Beleidigung als justiziablem Akt ist schmal, und häufig findet der Spott seine Grenzen an der Realität – wie im Fall einer 1831 entstandenen Karikatur, die sich über Angst der Bevölkerung vor der Ausbreitung der Cholera in Wien lustig machte. An der Darmkrankheit, die den Körper austrocknen lässt, starben damals mehrere tausend Menschen.

Auch als Instrument von Kontrolle und Sanktionen wurden Schmähungen eingesetzt: Die sogenannten Ehrenstrafen (wie Eselsritt, Schandbriefe oder aber Ausstellen am Pranger) sind historische Beispiele, mit denen sich beispielsweise die Rechtliche Volkskunde beschäftigt hat. Ein Sonderforschungsbereich an der TU Dresden untersuchte in den vergangenen Jahren herabsetzende Praktiken und Medien in historischer und gegenwartsorientierter Perspektive. Und auch in den Bild- und Objektsammlungen des ISGV finden sich zahlreiche Beispiele für die „Kunst der Beleidigung“: Karikaturen und Grotesken, die durch eine an der Realität orientierte Verfremdung oder Überzeichnung von Personen oder ihrer (physiognomischen) Merkmale Kritik oder Spott üben. Dadurch wurden unter anderem nationale Stereotype und Feindbilder verfestigt sowie Vorurteilen Vorschub geleistet. Auch kunstgewerbliche Objekte der sogenannten Volkskunst bedienen dieses Genre: Sie bilden bestimmte ‚Typen‘ ab oder überzeichnen konkrete Personen des öffentlichen Lebens so, dass diese der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist ein um 1822 vermutlich in Thüringen gefertigter Nussknacker, der sich seinem Erscheinungsbild nach am französischen Kaiser Napoleon (1769–1821) orientiert. Der Herrscherkult, der sich um Napoleon gebildet hatte, und seine Stilisierung als Unbesiegbarer endeten jäh nach dem Scheitern des Russlandfeldzugs und der französischen Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Kurz danach erschien eine Karikatur, die den ohnehin nicht sehr großen Napoleon übertrieben kleinwüchsig mit übergroßem Kopf zeigt, der sich an der ‚Nuss‘ Leipzig die Zähne ausbeißt. Seine feldherrliche Größe und der entsprechende Habitus werden hier konterkariert und demontiert – die Gefahr ist gewissermaßen gebannt.

Die Ähnlichkeit mit dem einige Jahre später entstandenen Nussknacker ist offensichtlich: Hier hat offensichtlich eine Transformation der Zeichnung in ein nutzbringendes Objekt mit (vermeintlichem) Unterhaltungswert stattgefunden.

Literatur: Dagmar Burkhart: Heldensturz. Deutsche, englische und russische Napoleon-Karikaturen zur Völkerschlacht von Leipzig. Visualisierung eines Desasters. In: Marina Dmitrieva/Lars Karl (Hg.): Das Jahr 1813, Ostmitteleuropa und Leipzig. Die Völkerschlacht als (trans)nationaler Erinnerungsort. Köln u.a. 2016, S. 215-226; Helmut Fischer: Art. „Spott“. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, 12/3. Berlin 2007, Sp. 1080–1086.

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