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Fundstück aus dem ISGV – im Mai 2022

Bierkrüge auf dem Brett – vom Behältnis zum Bedeutungsträger und zurück

von Nick Wetschel

In diesem Fundstück geht es um (im-)materielle Kultur und falsche Fährten. Einer bierernsten Kritik mag das Folgende sicher nicht standhalten, doch auch Fehleinschätzungen und abgebrochene Untersuchungsgänge sind Teil von Wissenschaft.

An einem kalten Februarmorgen sitze ich im Aufenthaltsraum der „Jonsdorfer Hütte“ (452m) der Sektion Zittau des Deutschen Alpenvereins. Trotz für allerlei winterliche Aktivitäten günstigem Wetter (die Kälte kommt auch vom wolkenfreien Himmel) sind die Lichtverhältnisse in dem bisweilen auch „Bergsteigerhütte“ genannten Haus dürftig. Das gilt auch für die Fototechnik meines Smartphones.

Jonsdorfer Hütte. Raumansicht mit Bierkrügen auf einem Wand-Brett (Foto: Nick Wetschel).
Jonsdorfer Hütte. Raumansicht mit Bierkrügen auf einem Wand-Brett (Foto: Nick Wetschel).

Ich mache trotzdem eine Aufnahme des sich über der Durchreiche zur Küche spannenden Regals mit seiner Kette von Bierkrügen. Denn diese Krüge interessieren mich schon eine Weile: Ich überlege, ob sie denn nicht aus Ordnungsgründen weggeräumt werden könnten – oder besser doch stehen bleiben sollten, weil sie für andere Vereinsmitglieder:innen wichtig sind.

Obwohl mit „Alpenverein“, „Bergsteigen“ „Hütte“ und einer Höhenangabe über Meeresspiegel eventuell Assoziationen mit dem Alpinen und Alpinistischen geweckt worden sind, umgeben die Bierkrüge auf dem Brett natürlich eher bewaldete Hügel. Mein morgendlicher Lauf auf die seit zwei Jahren von einem Aussichtsturm gekrönte Lausche/ Luž konnte am Alpinen gemessen den Lausitzer Gebirgscharakter – wohlgemerkt in all seiner Schönheit! – nur als mittleren bestätigen.

Aussichtsturm auf der Lausche. Blick zum Hochwald und nach dem Iser- und Riesengebirge (Foto: Nick Wetschel).
Aussichtsturm auf der Lausche. Blick zum Hochwald und nach dem Iser- und Riesengebirge (Foto: Nick Wetschel).

Ein vor Jahren auf einen Rahmen gezogenes Alpenbild, zu dem ja auch Hütten gehören, verschwimmt am rechten Bildrand meiner behelfsmäßigen Raumfotografie. Immerhin auf das Hochgebirge und seine alpinen Bedingungen verweist das mittig zwischen den Krügen stehende Emblem der tschechischen Bergrettung Horská služba.

Mich interessiert die gesellig-bergsteigerische Praxis vor/nach dem Bergerlebnis, die von den Dimensionen des Gebirges wohl unabhängig ist. Es geht um Biertrinken und darum, entsprechende Behältnisse zu sammeln, zu zeigen und anzuschauen.

Zunächst wäre über die Herstellungs- und Gestaltungsweisen von solchen Behältnissen zu referieren. Dabei ließe sich in einer Randbemerkung auf bayerisch-sächsischen Ursprungsreklamationen des Steinzeugs hinweisen. Vor allem aber wäre festzustellen: „die Liebe zu schönen Bierkrügen mit farbigen oder reliefierten Dekoren blieb in etwas abgewandelter Form bis ins 20. Jahrhundert bestehen. Leider hat sich der Geschmack für Gestaltung und Design mit der Einführung industriell gefertigter Trinkgefäße nicht in gleicher Weise mit entwickelt.“ (Rainer Richter, Bierkrüge und Steinzeugflaschen in Sachsen, S. 128)

Gestaltung und Design sind in unserer Krug-Reihe tatsächlich keine Ausnahmedekore. Allein ein dreidimensional verzierter Krug der „BSG (Betriebssportgruppe) Stahl Freital / Sektion Wandern – Bergsteigen“ und ein überdimensioniertes, handbemaltes Exemplar der „Betriebssportgruppe Robur Zittau / Zittauer Bergsteigergemeinschaft“ treten in diesem Sinne hervor. Auf ein Jubiläum – hier der 20jährige Hüttenbau – weist der entsprechende Krug auch mit nur wenig Zier hin. Ein Exemplar der Fürther Brauerei Grüner trägt allein den Markennamen, ist auf die erste Funktion, ein Getränk zu beinhalten reduziert; vielleicht noch Werbeträger (oder Eigentumsmarkierung?), allerhöchstens vormals dadurch gesteigert, dass es eine Marke des nichtkapitalistischen Auslands ist.

Die Hypothese würde dann lauten, dass individuelle Gestaltung, die bestimmte Ereignisse erinnern soll, Werte markiert oder Zugehörigkeiten abbildet, sich also trotz geschwundenem Anspruch und geminderter Kunstfertigkeit in der Gestaltung funktional erhalten habe.

Schließlich ruhen die Krüge doch sichtbar und dem Zugriff von Kinderhänden entrückt hoch über dem Aufenthaltsraum.  Sie tragen Bedeutung: durch Beschriftung und selbst minimale Gestaltung sind sie Zeichen-Träger, sind anlassbezogen hergestellt, gesammelt oder geschenkt. In der Benutzung treten diese Eigenschaften dann hervor.

Zurück in den viel weniger landschaftlich-anmutigen und dafür umso nüchternen Räumen der Wissenschaft wartet die Institutsbibliothek mit einer trügerischen Verstärkung. Dort steht die Abhandlung zur „Keramik in der DDR“ unmittelbar neben einer weiteren (auch ideologisch relevanten, aber hier außenvorbleibenden) Facette von Berg-Kultur, der besungenen Bergfreundschaft um den Chor „Kurt Schlosser“.

ISGV, Bibliothek. Die Signaturen 22355 (Keramik in der DDR) und 22356 (Bergfreundschaft) (Foto: Nick Wetschel).
ISGV, Bibliothek. Die Signaturen 22355 (Keramik in der DDR) und 22356 (Bergfreundschaft) (Foto: Nick Wetschel).

In einem nächsten Schritt wären die Akteur:innen zu befragen, um über die bisher immer noch recht allgemein vermuteten Bedeutungen und Verwendungen zu erfahren.

Es folgt eine überraschend knappe Email-Antwort eines Bergfreundes, der üblicherweise umfängliche und verlässliche Information zu vergangener ebenso wie aktueller Geselligkeit in der Vereinsgeschichte bieten kann. Jedoch: „Zu unseren Hüttenhochzeiten tranken wir aus dem Stiefel, der oben auf dem Wandbrett jedem zur Verfügung stand. Aber irgendwann wurde ihm wohl allzustark mitgespielt.“ Keine Krüge. Was es mit den Krügen auf sich hat, wie sie auf das Brett kommen und wer sie wie benutz(t)e – dazu wisse er nichts. Wohl aber wäre ein anderer Bergfreund anzurufen, der habe „früher“ Krüge gesammelt.

Ein Anruf später ist von den erfrischend gefüllten Bedeutungsträgern kaum noch etwas übrig. Meine Frage nach den Krügen wird zuerst anwendungsbezogen verstanden, d.h. wenn ich sie haben wolle, könne ich sie nehmen, kein Thema. Nachdem ich meine Vermutungen kundgetan habe, erfahre ich, dass einige wohl von der Jubiläumsfeier stammen, klar. Aber andere habe der Bergfreund vor Jahren aus Platzgründen aus seiner eigenen Sammlung ausgelagert. Dem Hobby war er nicht mehr länger nachgegangen.

Wenn ich diese Verfallserzählung fortsetzen wollte, so würde ich die beiden Weinflaschen im ersten Bild als letzten Abgesang auf die Bierkrug-Hypothese ins Spiel bringen. Kurzum: Allein weil hervorgehoben gestellt und lange/immer unberührt an einem solchen Platz, heißt das längst nicht, dass die Krüge immer noch von großer Bedeutung sind oder sie je hatten. Immerhin: Verstaubt, ungenutzt und trotzdem wirkend.

Gleichermaßen frustriert und belustigt über den kulturwissenschaftlichen Orientierungsverlust in vergleichsweise einfachem Gelände begibt sich der Autor am Ende und dann als Bergfreund doch noch in eine richtige Alpenszene und damit zu einer Erfrischung in diesen heißen Maitagen.

Blick auf den Ortler/Ortles. Rechts im Bild ein Flaschenbier (Foto: Nick Wetschel).
Blick auf den Ortler/Ortles. Rechts im Bild ein Flaschenbier (Foto: Nick Wetschel).

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