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Fundstück aus dem ISGV – im März 2021

‚Rosen für unsere Frauen‘ – Der Frauentag in Brigadetagebüchern der DDR

von Philipp Max Eller

Physiotherapeutisches Zentrum der Poliklink Freiberg
Physiotherapeutisches Zentrum der
Poliklink Freiberg: Eintrag im Brigadetagebuch
zum Frauentag 1988. (ISGV/LGA)

Der Internationale Frauentag war in der DDR nicht nur ein Datum im übervollen Kalender der Gedenktage. Der Frauentag war ein Feiertag für die Frau und wurde mit großem Aufwand begangen. Die Einträge zum 8. März aus vier Brigadetagebüchern sind unser Fundstück des Monats. Sie bieten einen Einblick in den Ablauf der Feiern und in das Verständnis von Gleichberechtigung in der DDR. Sie offenbaren aber auch, wie sehr sich unser Verständnis von Gleichberechtigung in den dreißig Jahren seit dem Mauerfall verändert hat.

Die Brigade war die kleinste Arbeitsgruppe in den Betrieben und der Verwaltung. Dieses sozialistische Kollektiv war dabei nicht nur eine Arbeitseinheit, sondern organisierte auch Feiern, den Besuch kultureller Veranstaltungen oder übernahm die Patenschaft für eine Schulklasse.
Den Alltag der Brigaden wurde ab 1959 in Brigadetagebüchern festgehalten. Die Bandbreite reicht dabei von nüchternen Aufzählungen bis zu mehrseiteigen Text-Bild-Kollagen mit Fotos, Trockenblumen, Zeitungsausschnitten und Eintrittskarten, wie sich auch in den Sammlungen des Lebensgeschichtlichen Archivs nachvollziehen lässt.

Brigade erster Siebenjahresplan im VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe
Brigade erster Siebenjahresplan
im VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe:
Eintrag zum Frauentag vom 8. März 1966. (ISGV/LGA)

Die SED hatte die Gleichberechtigung der Frau bereits im Jahr 1968 für vollzogen erklärt. Das Verständnis davon war in der DDR ein rein ökonomisches. Durch Arbeit würde sich die Frau aus der Unabhängigkeit und Unterdrückung befreien – und Ende der 1960er Jahre waren bereits rund 80 Prozent der Frauen in der DDR berufstätig. Andere Fragen, wie die Teilhabe an wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder gar an politischen Entscheidungsprozessen, stellten sich in der DDR nicht. Wenig verwunderlich ist also, dass die Frauen trotz der (Vollzeit-)Arbeit noch den Haushalt und die Kinderbetreuung übernahmen oder dass es lediglich zwei Frauen in der DDR bis 1989 in ein Ministeramt geschafft haben (Hilde Benjamin und Margot Honecker) Staatliche Maßnahmen wie der Haushaltstag oder das enge Netz an Kindergärten konnten die grundlegenden Probleme nicht beheben.

Brigade August Bebel im VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe
Brigade August Bebel im
VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe:
Eintrag im Brigadetagebuch
zum Frauentag 1973. (ISGV/LGA)

Am Frauentag standen die Frauen aber ganz im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. In den Brigadetagebüchern wird jedes Jahr über ihn berichtet. Der Ablauf des Tages änderte sich dabei über die Jahrzehnte kaum. Für die Kolleginnen gab es Glückwünsche, Blumen, kleine Geschenke, Kaffee, Kuchen und gerne auch mal ein „Gläschen“ Wein. Die Frauen machten einen Ausflug oder besuchten eine Kulturveranstaltung. Laut dem Brigadetagebuch der Brigade August Bebel im VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe hatten sich die Frauen diesen Tag verdient, denn „[ü]berall im Kombinat stehen Frauen ‚ihren Mann‘. […] Ihre guten Leistungen im Beruf und in der gesellschaftlichen Arbeit sind umso höher zu bewerten, da sie in der Mehrzahl Familie Haushalt und Kinder zu betreuen haben.“ Im Ausgleich für diese mehrfache Belastung übermittelten die Brigademitglieder ihrer offenbar einzigen Kollegin am 8. März 1973 beste Glückwünsche. Andere Brigaden und Betriebe – mit wahrscheinlich auch mehr Mitarbeiterinnen – betrieben weit größeren Aufwand bei der Gestaltung des Frauentags.

Der Frauentag wurde seit 1947 offiziell begangen; anders als der ‚Kampftag der Arbeiterklasse‘ am ersten Mai war er aber ein „Ehrentag”. Es ging an diesem Tag nicht um die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder darum, mehr Frauen gehobene Positionen zu ermöglichen, sondern den Frauen sollte für ihren besonderen Einsatz gedankt werden. Und die Mitarbeiterinnen des Physiotherapeutisches Zentrum an der Poliklinik Freiberg hatten laut ihrem Brigadetagebuch nach der Feier im Schützenhaus auch das „Gefühl als Frau geehrt worden zu sein“. Geehrt wurden die Frauen im Saal des Schützenhauses unter anderem mit einer kurzen Ansprache, einer Nachtwäschemodenschau und einem kalten Buffet.

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