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Fundstück aus dem ISGV – im März 2020

Frühlingsbrauch: Todaustreiben

von Robert Badura

 

Der Frühling kommt! Doch dieses Jahr scheint er sich zum kalendarischen Frühlingsbeginn am 20. März verspätet zu haben, oder hat dem Winter ganz und gar das Feld überlassen. Das Warten auf die meteorologische Ankunft des Frühlings und das Austreiben des Winters haben ihre Entsprechung, wie viele wissen, auch in den Bräuchen. Viele kennen das Sommerholen oder Sommergewinnen (letzteres hat sogar Volksfestcharakter bekommen). Was viele nicht (mehr) kennen, ist eine andere Tradition: das Todaustreiben.

Ursprünglich geht dies auf einen Volksbrauch des 14. Jahrhunderts zurück: Zur Mitte der Fastenzeit wurden vielerorts symbolisch Bildnisse des Todes aus den Dörfern und Städten getragen, um sie in einem Teich oder Fluss zu versenken (oder gar zu verbrennen). Auf einem Foto aus dem Bildarchiv des ISGV (siehe Abbildung) wird dies sichtbar: eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus Rosendorf/Růžová an der Elbe versammelt sich vor einem Haus und trägt an Stöcken befestigte Puppen. Diese oft aus Stroh und Kleidungsstücken gefertigten Bildnisse des Todes sollen dann später in der Elbe versenkt werden, was uns das Bild allerdings nicht mehr verrät. Damit ist das Böse symbolisch besiegt worden und die neue hoffnungsvollere Zeit kann beginnen.

Über die Verbreitung und Entstehung des Brauchs sowie über seinen Wandel herrschten lange Zeit Kontroversen, besonders über seien Verbindung mit dem Einholen des Sommers. Friedrich Sieber und Siegfried Kube vom Institut für Volkskunde, der Vorgängerinstitution des ISGV, versuchten, in ihrem Buch „Deutsch-westslawische Beziehungen in Frühlingsbräuchen. Todaustragen und Umgang mit dem Sommer“ dies näher zu beleuchten. Beide legen dar, dass sich der ursprünglich böhmische Brauch mit bereits vorhandenen Formen (verschiedenen Frühlingsbräuchen) verband, nachdem er über die böhmischen Besitzungen in der Lausitz eingewandert war. Kinder hätten, so die Autoren, irgendwann die Erwachsenen, als TrägerInnen abgelöst und oft blieb das Todaustragen nur noch in Liedern und Versen erhalten, die beim Einholen des Sommers von den Kindern gesungen wurden. Sieber und Kube illustrieren dies umfangreich anhand vieler Beispiele und Quellen; und auch eine Sammlung von knapp 30 Bildern ist dem hinzugefügt. Aus der Menge dieser Bilder stammt übrigens auch das hier verwendete.

Wenn Sie nun Lust bekommen haben, es den Kindern auf dem Bild gleich zu tun, sollten Sie sich aufgrund der aktuellen Situation jedoch noch etwas gedulden und besser nur für die wichtigsten Dinge vor die Tür gehen. Alternativ können wir Ihnen anbieten: Durchstöbern Sie doch einfach einmal die Website des ISGV unter dem Link: https://www.isgv.de/aktuelles/neuigkeiten.

Todaustragen in Rosendorf (Růžová) 1939, Aufnahme von Max Nowak. ISGV, Bildarchiv, BSN 051403.
Todaustragen in Rosendorf (Růžová) 1939, Aufnahme von Max Nowak. ISGV, Bildarchiv, BSN 051403.

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