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Fundstück aus dem ISGV – im Februar 2021

Eine Bierflasche, Angela Merkel und der Ukraine-Konflikt

von Katharina Schuchardt

Bierflasche mit Angela Merkel auf dem Etikett
Bierflasche mit Angela Merkel auf dem Etikett
(Foto: Katharina Schuchardt, Mai 2018)

Fundstücke unterliegen dem Prinzip des Zufalls, so entdeckte ich ein etwas ungewöhnliches im Mai 2018 beiläufig bei einem Spaziergang durch Lwiw/Lemberg: Eine Bierflasche, auf dessen Etikett Angela Merkel abgebildet war, die von dem Schriftzug „Frau Ribbentrop“ begleitet wurde. Zusätzlich war dies mit einer entsprechenden Ikonografie mittels Gestik und Kleidung versehen. Das Etikett wirkte auf mich ziemlich verstörend, wurde doch hier ein direkter Zusammenhang zwischen Angela Merkel und dem Nationalsozialismus hergestellt. Irritiert ging ich erstmal weiter und konnte mir diese Symbolik zunächst nicht erklären.

Als ich am folgenden Tage den zentralen Marktplatz überquerte, stieß ich auf ein Gebäude mit der Aufschrift „ТЕАТР ПИВА“ [Biertheater]. Vor diesem bemerkte ich einige sitzende Gäste mit ebenjenem Motiv auf der Flasche, die ich am Vortag entdeckt hatte. So entschloss ich mich, für einen näheren Blick hineinzugehen und landete hinter dem Eingang in einer Art Verkaufsraum. Schnell stellte ich fest, dass die Flasche mit Angela Merkel auf dem Etikett zu einer ganzen Reihe gehörte, von denen es auch Aufdrucke von Donald Trump, Wladimir Putin, Barack Obama und Justin Trudeau gab. Neben Bierflaschen entdeckte ich ferner Merchandise-Artikel mit diesen Motiven, so u. a. Untersetzer, Magnete, Aufkleber und Postkarten. Im oberen Teil des Verkaufsraums hingen große Plakate, die sowohl mit den Motiven der Bierflaschen als auch mit ergänzendem Text auf Ukrainisch und Englisch bedruckt waren. Immer noch irritiert, schaute ich mich weiter um. Das ТЕАТР ПИВА ist ein Restaurant, das sich im ersten und zweiten Stock des Gebäudes erstreckt und sich – neben einer kleinen Auswahl von Speisen – vor allem auf selbst gebraute Biere spezialisiert hat sowie zur Unterhaltung seiner Gäste gar ein eigenes Orchester unterhält. Mir kamen einige Fragen in den Sinn: Warum sollte ein Restaurant und touristischer Hotspots Lembergs solche Vergleiche ziehen? Welchen Zweck sollen diese erfüllen und inwiefern ist es eben mehr als nur eine touristische Attraktivität?

Das Biertheater von außen
Das Biertheater von außen
(Foto: Katharina Schuchardt, Mai 2018)

Zur Erläuterung der Ikonografie auf der Flasche mit Angela Merkels Konterfei war u. a. Folgendes nachzulesen: „It’s the first time in history when we face bloodshed because of EU and European values. And it’s blood of the Ukrainians. Germany tries to do the impossible – to fight and to continue business with Russia at the same time. Danke Frau Ribbentrop.”

Um diese Erklärung zu verstehen, ist ein Blick zurück in das Jahr 2014 notwendig. Als Angela Merkel im Juli 2014 das Finale der Fußball-WM besuchte, saß sie zeitweilig neben Wladimir Putin und erweckte den Eindruck eines vertrauten Gespräches mit ihm. Allerdings war bereits im Februar des gleichen Jahres der Krieg in der Ukraine ausgebrochen und das Bild des vertraulichen Austauschs zwischen Merkel und Putin kam in dem zwischen der Europäischen Union und Russland zerrissenen Land nicht gut an. Die Ukrainer*innen formulierten mittels sozialer Medien damals erstmals die Anspielung zwischen Angela Merkel und dem Nicht-Angriffspakt von 1939, so in Der Spiegel vom Juli 2014 nachzulesen. Dieses Bild hatte offensichtlich alte Ängste vor dem Verlust nationaler Souveränität geweckt, wie sie auch in anderen Ländern im ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion  – beispielsweise in den baltischen Staaten und in Polen – immer wieder beobachtet werden können.

Das Bier ist nicht nur in einen nahrungsetymologischen Kontext eingebunden, sondern ebenso in politische und touristische Praxen. So ist auf dem Bewertungsportal Trip Advisor von einem Nutzer zum ТЕАТР ПИВА nachzulesen, dass das „‚Bier Theater‛ ein beliebtes Szenelokal in Lemberg [ist]. Verschiedene Biere mit politischen Botschaften […] werden vermarktet.“ Mit Hilfe der Etiketten artikulieren deren Künstler*innen ihr spezifisches, ukrainisches Selbstverständnis im Kontext des bis heute andauernden Ukraine-Kriegs. Die Wahrnehmung des Verrats an Russland wird hervorgehoben, hervorgerufen durch eine als defizitär empfundene Unterstützung durch die Europäische Union. Zudem wird verdeutlicht, in welcher Position sie die (West-)Ukraine sehen und auf welcher Seite des Konflikts sie stehen. Darauf verweisen auch die über Putin formulierten Aussagen, bei denen von imperialistischen Ambitionen wie Hitler die Rede ist und vom „russischen Terrorismus in einem friedlichen Europa“ gesprochen wird. Die Ukraine ist ein Konglomerat aus unterschiedlichsten Nationalitäten und Sprachen und seit der Unabhängigkeit 1991 als ein noch junger Staat auf der Suche nach einer eigenen nationalen Identität. Der Krieg und die Polarisierung zwischen dem Osten und Westen des Landes ist nur eines der sichtbarsten Merkmale dieses Identitätskonflikts nach außen und dauert bis heute an. Am Beispiel des Etiketts mit Angela Merkel wird deutlich, dass die Bierflaschen als ein korrespondierendes Medium westukrainischer Haltungen in diesem Krieg gedacht sind – die Hoffnungen lagen auf der Europäischen Union und ihrem Werteverständnis, die nicht erfüllt wurden. 

Die Darstellungen sind als politische Botschaften provokativ gehalten und kommen vor allem mit Tourist*innen in Berührung. So sind sie auch als ein Versuch zu werten, Außenstehende mit der eigenen nationalen Perspektive vertraut zu machen. Darauf verweisen vor allem die Merchandise-Artikel, die eine Funktion als touristische Souvenirs erfüllen, weil sie eine hohe Mobilität aufweisen. Kleine, leicht zu transportierende Gegenstände, die in jedes Reisegepäck passen und erschwinglich sind. Gleichzeitig sind sie durch ihre provokante Botschaft ein Anziehungspunkt und dürften zu einer ökonomischen Inwertsetzung des ТЕАТР ПИВА beitragen. Sogar dann, wenn einem Bier nicht schmeckt.

Solche zufälligen Fundstücke verweisen auf den hohen Stellenwert von Bilderwelten und den darin enthaltenen symbolischen Sinngehalten. Das ISGV trägt mit seinen Forschungsprojekten dazu bei, ebenjenen „Osten“ zu übersetzen – Übersetzen verstanden als eine Analyse gesellschaftlicher Verflechtungen, semantischer Überlagerungen und die Erforschung heterogener kultureller Räume – wie beispielsweise in den Projekten Kontaktzonen oder Energie │ Wende.

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