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Fundstück aus dem ISGV – im Dezember 2022

Aus der Werkstatt eines Wörterbuchs

von Dieter Herz

Eine ihrer Wurzeln hat die Volkskunde in der Germanistik, wie sich an der Beschäftigung mit Märchen und Mundarten, Erzählen im Alltag oder auch sogenannten Sondersprachen ablesen lässt. In letztgenannte Rubrik gehört das Projekt „Soldatensprache“, das der „Verband deutscher Vereine für Volkskunde“ (der Vorläufer der heutigen „Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft“) im Ersten Weltkrieg anschob: Wörter und Wendungen, die beim Militär in Gebrauch waren, sollten an Ort und Stelle gesammelt und eingesandt werden, wobei auch Zuarbeiten „von der Heimatfront“ willkommen waren.

Vom Einsatz an besagter „Heimatfront“ zeugt ein prall gefüllter Aktenordner, der sich bei der Durchsicht des volkskundlichen Archivbestandes des ISGV fand. Wie der Ordner mit der eher unscheinbaren Aufschrift „31/Spr.“ ins Institut gelangte, ist unklar. Entstanden ist sein Inhalt nicht im Ersten, sondern im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach. Denn während man noch mit der Bearbeitung des 1914 bis 1918 eingegangenen Materials beschäftigt war (es sollte ein Wörterbuch entstehen), begann der nächste Krieg – und so wurde weiter gesammelt. Inzwischen, heißt es in einem im Ordner abgehefteten Aufruf, seien ja „neue Kampfmittel und geänderte Kampfweisen“ aufgekommen, und auch für diese schaffe „der stets schlagfertige Witz und lachende Humor des Soldaten in seiner sprachschöpferischen Tätigkeit neue packende und einprägsame Bezeichnungen“.

Der Ordner enthält 398 eng beschriftete DIN-A4-Blätter, deren Autor ein Oswald Gröschel aus Meißen war. Er arbeitete seit 1941 an dem Projekt mit, und zwar dergestalt, dass er Unmengen von Zeitungen und Zeitschriften, Krieger-Kalendern und Kriegserinnerungen, Büchern und Lexika verschiedener Epochen auf soldatischen Sprachgebrauch durchforstete, die Funde auf Zettel exzerpierte und diese (nebst Quellenangabe) an die Sammelstelle nach „13b München 22, Hofgartenstraße 1“, zu Händen „August Miller, Oberstleutnant a.D.“ sandte.

Die im ISGV überlieferten Blätter enthalten Abschriften, die Gröschel 1943 bis 1951 von seinen Einsendungen anfertigte: einzelne Wörter, Wendungen, ganze Passagen, ergänzt durch aufgeklebte Zeitungsartikel und Korrespondenz mit der Arbeitsstelle in München. Die von 251 bis 649 nummerierten Seiten (darunter zurechtgeschnittene Plakate etwa der Deutschen Arbeitsfront oder des Kulturbundes, deren Rückseite genutzt wurde) sind stellenweise kaum lesbar, weil das Schreibmaschinenband nichts mehr hergab. Wörter, auf die es ankam, sind rot unterstrichen. Und weil die Blätter wohl mal Feuchtigkeit abbekommen haben, sind sie nicht nur kräftig gewellt, sondern oft hat sich rote Tinte über die Seite verteilt.

Die 398 Blätter (die 250 Seiten der Jahre 1941 und 1942 sind im ISGV nicht vorhanden) enthalten Wörter und Wendungen, die weder alphabetisch noch zeitlich sortiert sind, sondern je nach Fundstelle notiert wurden. Die im Sammelaufruf vorgegebene Gliederungs-Systematik ignorierte Gröschel: „Knochenflicker“ (Stabsarzt), „Manschettenfieber“ (Angst haben) und „Bärenfüße“ (Eisenschuhe der mittelalterlichen Rüstung); „Totenorgel“ (Maschinengewehr), „Matratzen-Horchdienst“ (schlafen) und „Himmelslotse“ (Marinegeistlicher); „Seltenleer“ (Burgverließ zu Heidelberg), „Vorfeld-Gespenst“ (abgeschossener Panzer) und „Fußlappen mit Sondermeldung“ (Weißkohl mit Fleisch) erscheinen in bunter Reihung, alle Belege sind aber penibel durchgezählt. Dass etliche Funde der Kategorie „derb“ zuzuordnen sind, soll hier erwähnt, aber nicht veranschaulicht werden.

Gröschel exzerpierte, was das Zeug hielt. Er scheint ein geradezu besessener Jäger und Sammler gewesen zu sein, der seine Belegzettel gebündelt nach München schickte und nach Rekorden strebte: So vermerkt er am 10. April 1943: „Das wäre alles für heute. Heil Hitler! Einlage: 260 Zettel“; und am 28. Mai 1943 (mit einem Anflug von Ironie): „Anbei 351 Zettel, mit den bisherigen sind das nun 5064 – nun aber raus mit dem Ritterkreuz!“ Am 2. Juni 1944 berichtet er, die Landesbibliothek Dresden sei „wegen Bombengefahr geräumt“, und da es „keine Bücher aus den Bibliotheken mehr gibt, gehe ich meine eigenen durch“. Auch dies waren offensichtlich ergiebige Quellen, denn am zweiten Weihnachtstag desselben Jahres meldet er: „9002 Gesamtzahl erreicht. Heil Hitler und Alles Gute für 1945“.

Ab Mai 1945 ist „Heil Hitler“ ersetzt durch „Ganz der Ihre“ – die Arbeit aber schreitet unbeirrt voran. Am 26. Februar 1948 wird der 10.000ste Zettel geliefert, am 8. August heißt es mit Stolz und einer Prise Sarkasmus: „Auf die Durchsicht der Lexika bin ich ganz verrückt. Aber beim 21. Band dachte ich, mir platzt der Kopf und ich werde wirklich verrückt. Nun sind noch 18 von 97 durchzusehen.“ Vom 13. Juni 1941 bis 23. Juni 1951 liefert Gröschel 11.260 Zettel. Das sind drei Belege am Tag, zehn Jahre lang, sieben Tage die Woche.

Mitarbeiter Nr. 776, als der Gröschel geführt wurde, war der emsigste Zulieferer, wie ihm bestätigt wird. Dementsprechend geizt Oberstleutant a.D. Miller, der Leiter der Münchner Arbeitsstelle, nicht mit Lob, in das nur gelegentlich eine Bitte eingeflochten ist – etwa, dass die Zettel nicht größer als 12,5 mal 7,5 cm sein sollten, „denn sie passen sonst nicht in die Karteikästen“. Und von Zeit zu Zeit mahnt er, wirklich nur Soldatensprache einzuliefern – und nicht etwa Überlegungen zur Herkunft der Pluderhose oder weshalb Richard I. von England den Beinamen „Löwenherz“ trug. Und ein Kanonenrohr, belehrt er ihn, sei als Attribut der heiligen Barbara unbekannt: „Der Turm mit dem sie dargestellt wird, wird nie zum Kanonenrohr!“

Auch solche Anweisungen, die Mitarbeiter Nr. 776 von weithergeholten Belegen keineswegs abbringen, werfen Schlaglichter auf den Entstehungsprozess eines Wörterbuchs. Quasi als Beifang findet sich in der Korrespondenz aber auch Persönliches: Demnach wurde Gröschel 1887 in Leipzig geboren und lebte seit 1913 in Meißen. 1910/11 verdingte er sich in New York bei einer Handelsfirma für Spielwaren. 1914 bis 1916 war er Soldat und kehrte als Kriegsinvalide heim. Eine Bürotätigkeit in der Porzellanmanufaktur muss er wegen Konzentrationsschwächen aufgeben. Bevor er sich der Soldatensprache verschrieb, galt sein gesteigertes Interesse der „Meereskunde und Seefahrt“ – auch da war viel zu exzerpieren: „Es liegt hier Stoff zu Zentnern“, schätzt er ein, „es mögen 1 Million Zettel sein“. Bewandert ist er aber auch in Höhlenkunde sowie Astrologie, anhand derer er das Kriegsende auf den 5.August 1944 terminiert.

Womöglich mangels Gesprächspartner (über Familiäres sagen die Unterlagen nichts) gibt Gröschel auch Alltagsbeobachtungen nach München durch: So notiert er am 27. Dezember 1944, über den Meißner Oberbürgermeister „laufe um“, dieser habe im polnischen Kielce „zwei Eisenbahnwagen voll Teppiche, Schmuck und sonstige Wertsachen geplündert“. Und in Weinböhla hätten zwei Männer „einem Hitlerbild die Augen ausgestochen; der eine beging Selbstmord, der andere wurde festgenommen“. Am 19. Februar 1945 meldet er: „Hier sieht die Lage schlecht genug aus: beide Elbbrücken zum Sprengen fertig gemacht, Schützengräben beim übernächsten Dorfe. Seit zwei Wochen endlose Flüchtlingskolonnen aus Schlesien“ – und: „Dresden ist in 4 x 6 Geviertkilometer zerstört, darunter die herrlichen Bauten“.

Nach Kriegsende ist Gröschel Wachmann in der Porzellanmanufaktur – „da ist es wenigstens warm“, anders als daheim, denn: „in meinem Zimmer nach der Elbe zu waren bis 9 Grad Kälte, nach dem Garten ‚nur‘ 4“. Ein andermal berichtet er: „Ich habe Stoff für 490 Zettel – und kein Papier! Die Ernährungslage ist hier so, daß 150-200 Frauen, auch mal 50-60 auf dem Markte demonstrieren – ich sah auch, daß diese Demokraten von demokratischer Polizei auseinandergetrieben wurden.“ Oder er meldet: „Seit vielen Monaten kaum Regen, Kartoffeln soll es seit Anfang August geben, aber es wachsen einfach keine. Und von der Körnerernte werden uns die Russen wieder das Meiste nehmen.“ Sein Hilferuf: „Ich brauche sehr: 10mm Farbband, Cereisensteine, Tabak“, ist kombiniert mit einer Lektüre-Erfolgsmeldung: „Wer hätte geahnt, daß ‚Scharmützel‘ sich in der italienischen Komödie findet?“

Ein andermal fragt er an, ob Miller an einer „Bergparte, kann a. d. 17.Jh. sein“ im Tausch gegen Lebensmittel interessiert sei. Auch könne er besorgen: „Postwertzeichen zu 6 und 12 Pfg., mit Hitler und Überdruck: ‚Deutschlands Verderber‘, postfrisch“. Am 12. Januar 1950 teilt er mit: „Anbei 208 Zettel und ich muß leider sagen: diese sind wohl für lange Zeit die letzten. Wir in der Ost-Zone haben solche Leiden durchzumachen, dass man verzagen muß.“ Die letzte Meldung stammt vom 23. Juni 1951: „Ich habe Stoff für 300 Zettel, aber kein Papier – da wird der Hund in der Pfanne verrückt“.

Wie sich im Stadtarchiv Meißen ermitteln ließ, verstarb Oswald Gröschel am 12. Dezember 1951. Das geplante Wörterbuch ist nie erschienen.

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