Fundstück aus dem ISGV – im April 2021

Napoleon was here. Eine ironische Gedenktafel in der Dresdner Neustadt

von Sönke Friedreich

Wachsendes Geschichtsbewusstsein, Ausbau des Städtetourismus und Imagepflege der Kommunen tragen dazu bei, dass die Hinweistafel als Element der Stadtmöblierung stetig an Bedeutung gewinnt. Ihr Anliegen ist es, bedeutende Orte der Stadtgeschichte und -kultur zu markieren und sichtbar zu machen, über authentische Orte aufzuklären und Verständnis für die Einmaligkeit des Umfeldes zu wecken. Dabei reicht das Spektrum von Hinweisen auf städtische ‚Originale‘ über erläuternde Beschreibungen von Bodendenkmalen bis hin zu Gedenktafeln für NS-Opfer. Obwohl die Tafeln omnipräsent sind und neben Straßennamen und figürlichen Denkmälern zu den wichtigsten Gedächtnisspeichern der Stadt zählen, bleiben sie aber nicht selten unbeachtet. Zum einen liegen sie oft an wenig begangenen oder zugänglichen Orten, zum anderen sind sie meist so unauffällig gestaltet, dass sie dem/r Passant*in kaum ins Auge fallen. So dürften es überwiegend Touristen sein, die sich bei ihren Entdeckungsreisen in wenigen Worten über die Bedeutung ihres Reiseziels belehren lassen.

Gedenk- und Hinweistafeln in Dresden (Fotos: S. Friedreich).
Gedenk- und Hinweistafeln in Dresden (Fotos: S. Friedreich).
Hinweistafel auf den „Lingnerweg“ in Dresden, 2021 (Foto: S. Friedreich).
Hinweistafel auf den „Lingnerweg“
in Dresden, 2021 (Foto: S. Friedreich).

Dresden als historische Residenzstadt, als Zentrum von Kunst und Kultur, bietet reichlich Gelegenheit für Hinweistafeln. Zwar wird man weniger fündig, als man eigentlich erwarten könnte – aus Sicht der Stadt bedarf es offenbar keines eigenen Hinweises auf die weltberühmten Bau- und Kunstwerke. Dennoch gehören auch hier Hinweis- und Gedenktafeln zum gebauten Stadtraum. Viele von diesen werden bei Stadtführungen und -rundgängen angesteuert, und auch eigene ‚Lehrpfade‘ wie etwa der „Archeo-Pfad“ oder der „Lingnerweg“ durchkreuzen inzwischen die Stadt. Seit dem Sommer 2020 findet man nun eine neue Gedenktafel in der Dresdner Neustadt, versteckt im Hauseingang eines Neubaus an der Ecke Alaunstraße/Bischofsweg, dem Alaunplatz gegenüber, die sich in ironischer Brechung auf die Suche nach dem ‚Bedeutenden‘ bezieht. Sie gedenkt der „Schlacht am Alaunplatz“ 1813, einem fiktiven historischen Ereignis, das wie folgt beschrieben wird:

„In der Nacht vom 27. auf 28.8.1813 attackierten besoffene Dresdner Burschenschaftler mit Maßkrügen mehrmals fröhlich feiernde Franzosen, die nur mit Austernschalen bewaffnet waren, im Stadtgebiet am Alaunplatz. Napoleon sauer – schickt sein ganz privates Amazonenheer aus seinem Lager in Klotzsche die Königsbrückerstr. [sic] hinunter in die Neustadt, die greifen dort die Burschenschaftler an und zwar so. Die Amazonen haben als Uniform Oberteil [sic] einen Pullover mit großem V-Ausschnitt. Da glotzen die Burschenschaftler hin und – zack – Kopf ab oder 1 auf die Rübe. Da Napoleon damals schon plante, in der Verlängerung der Königsbrückerstr. in Klotzsche einen Militär Flughafen [sic] zu bauen, wird der große V-Ausschnitt seitdem in der Textil- und Bekleidungsindustrie als sogenannte ‚Einflugschneise‘ bezeichnet.“

Hinweistafel „Die Schlacht am Alaunplatz“, Alaunstr. 104, 2021 (Foto: S. Friedreich).
Hinweistafel „Die Schlacht am Alaunplatz“, Alaunstr. 104, 2021 (Foto: S. Friedreich).

Dieser Humoreske folgt der Hinweis auf ein gleichfalls im Hauseingang angebrachtes Kunstwerk, ein Gemälde auf Fliesen: „Das Napoleon Fries [sic] aus Fayence Keramik [sic] im Eingang wird aufgrund der abstrakten wie realistischen Darstellung der ‚Trompe l’œil‘ Malerei zugeordnet, d.h. man weiß nicht so genau… was das soll.“ Das Gemälde zeigt eine Darstellung Napoleons zu Pferde, umgeben von stilisierten Bäumen und Blumen, die offenbar auf die Bepflanzung des Alaunparks Bezug nehmen sollen. Im „Neustadt-Geflüster“, einer Dresdner Online-Stadtteilzeitschrift, mutmaßte der/die Autor*in, Gemälde und Tafel nähmen Bezug auf die Schlacht bei Dresden 1813, die sich allerdings auf dem südlichen Elbufer abgespielt hatte: „Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass Franzosen diesen Sieg auf dem Alaunplatz feierten, der damals ein gerodetes Waldstück war, als Hinrichtungsstätte diente und erst einige Jahre später in einen Exerzierplatz umgewandelt wurde.“

„Die Schlacht am Alaunplatz“, Gemälde auf Keramikfliesen, Alaunstr. 104, 2021 (Foto: S. Friedreich).
„Die Schlacht am Alaunplatz“, Gemälde auf Keramikfliesen, Alaunstr. 104, 2021 (Foto: S. Friedreich).
Der „Napoleonstein“ auf dem Schlossplatz vor der Kathedrale in Dresden, 2007 (Foto: Stadtwiki Dresden, SchiDD).
Der „Napoleonstein“ auf dem Schlossplatz
vor der Kathedrale in Dresden, 2007
(Foto: Stadtwiki Dresden, SchiDD).

Tatsächlich darf man diese spekulative Interpretation der Gedenktafel wohl ins Reich der Fantasie verweisen. Das Wandbild und die Hinweistafel lassen sich eher als künstlerische Intervention lesen, die die Allgegenwart der ‚bedeutenden‘ Orte in der Stadt, ihre erinnerungskulturelle Hervorhebung und ihre touristische Nutzung ironisiert. So gehört der Bezug zu Napoleon zu den verbreitetsten Themen bei der Verortung historischer Bedeutung in vielen kontinentaleuropäischen Städten. In Dresden findet man an zentraler Stelle vor dem Schloss den „Napoleonstein“ – eine Markierung jenes Standortes, von dem aus der Kaiser der Franzosen seine Truppen in die Schlacht geschickt haben soll. Die Hinweistafel in der Neustadt lässt sich als Gegenentwurf zu dieser Suche nach steingewordener Authentizität verstehen. Sie spielt mit der Bevorzugung des Militärischen und Heroischen im historischen Gedächtnis und mit dem nostalgiegetränkten Bewusstein, am großen Lauf der Geschichte teilgehabt zu haben. Eine städtische Erinnerungskultur, so die Botschaft, sollte demokratisch und von den Erfahrungen der Vielen geprägt sein. Der Versuch, die Stadt in diesem Sinne ‚von unten‘ zu betrachten und das Bedeutungsgewebe ihrer Geschichte zu veranschaulichen, ist ein Anliegen der kulturanthropologischen Stadtforschung auch am ISGV – nachzulesen etwa im Band „Dresden. Ethnografische Erkundungen einer Residenzstadt.“

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