Volkskunde

Neue Sichtweisen. Zum Aufleben einer Aussichtsturm-Begeisterung

Bearbeitung: Andreas Martin

Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam es nach Gründung einer ganzen Reihe von Gebirgsvereinen zur Errichtung von Aussichtstürmen sowohl in den mitteldeutschen Gebirgen als auch in städtischen Parkanlagen. Nahezu übergangslos schloss sich an diese „Turmbaubewegung“ eine national ausgerichtete Variante mit der Errichtung von Bismarcktürmen an. Der Erste Weltkrieg beendete diese Phase, in der allein in Sachsen nahezu 200 dieser Landschaftsmarker entstanden. Nach rund einem Jahrhundert, im Zuge des infrastrukturellen Neuaufbaus im Ergebnis der politischen Wende 1989 in den „neuen Ländern“ der Bundesrepublik, kann eine zahlenmäßige Häufung neu errichteter Aussichtstürme festgestellt werden. Ein erster Überblick verzeichnete den Neubau, die Sanierung bzw. Umnutzung von mehr als 50 dieser markanten Bauwerke. Ohne Frage ist der weite Rundumblick auf Landschaft, der dem Individuum durch ein aufwändiges technisches Hilfsmittel wie den Aussichtsturm ermöglicht wird, in Zeiten der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur geografischen und topografischen Recherche, wie sie Google-Earth und Google-Streetview bieten, neu zu bewerten. Außerdem ist zu klären, welche Bedeutung diese Bauwerke, die in vergangenen Jahrhunderten durch Stifter, Namensgeber, langwierige gemeinschaftliche Finanzierungsverfahren und Weiheakte geistig aufgeladen waren, heute für die Gesellschaft haben. Ziel des Projekts ist es, diesen kulturellen Wandel, ausgehend von den Objekten, darzustellen: Wer bemüht sich um die Errichtung der Türme, wie gestalten sich die Argumentationen für deren Notwendigkeit und wie sind diese Prozesse in der Gesellschaft verankert? Was bedeuten dem Nutzer diese Bauwerke.