Volkskunde

Grenzfälle. Wahrnehmung und Darstellung von Kriminalität und Devianz im deutsch-polnischen Grenzgebiet seit 1949

 

Bearbeitung: Sarah Kleinmann

Kriminalität und ihre Eindämmung ist zentrales Betätigungsfeld staatlicher wie auch gesellschaftlicher Ordnungs- und Regulierungsbemühungen in der Moderne. Über den Umgang mit diesem ‚Anderen’ wird Gesellschaft teilweise konstituiert. Wie welche Tat definiert, geahndet und verurteilt wird, was als Verbrechen, Ordnungswidrigkeit, kriminell, abscheulich oder Bagatelle gilt, ist dabei historischen Veränderungsprozessen unterworfen; das gilt auch für die Bewertung der Täter, Täterinnen und Opfer. Was ein Verbrechen bzw. kriminell ist, wird in modernen Staaten und Gesellschaften also nicht nur juristisch, sondern ebenfalls politisch, moralisch und sozial bestimmt. Die jeweiligen Bestimmungen gehen dabei auseinander, so wie auch Moral und Recht unterschiedliche, mitunter konkurrierende Bezugssysteme darstellen. Weiterhin geht es im Umgang mit Kriminalität stets um Grenzen, beispielsweise von polizeilicher Arbeit, Rechtsstaatlichkeit oder Moral. Grenzüberschreitungen dessen, was legal oder anerkannt ist, zeichnen zudem Verbrechen und Kriminalität aus; auch werden sie mitunter gegenüber Menschen begangen, die radikale Ordnungsvorstellungen und somit Grenzen überschreiten.

Das Forschungsprojekt widmet sich dem Zusammenhang von Grenzen und Kriminalität sowie Devianz. Ihre Darstellung und Wahrnehmung werden am Beispiel von Görlitz und Zgorzelec seit 1949 analysiert. Deutschland und Polen unterlagen in dieser Zeit gravierenden politischen Transformationen. Von 1949 bis 1989/90 verlief die deutsch-polnische Grenze so zwischen den beiden sozialistischen Staaten Deutsche Demokratische Republik und Volksrepublik Polen; seitdem besteht sie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen. In knapp 70 Jahren haben sich somit die politischen Rahmenbedingungen der Grenzsicherung und des Lebens im Grenzgebiet erheblich verändert.

Im Rahmen des Projektes werden grenzspezifische und grenzunspezifische Tatkomplexe in den Blick genommen. Von Relevanz sind sowohl der historische Wandel der Deliktbereiche und ihrer Bewertungen, als auch die verschiedenen Phasen und Transformationen des Grenzregimes.

Vor allem folgende Fragen werden behandelt: Was gilt als Verbrechen bzw. kriminell? Inwiefern werden grenzspezifische Delikte anders bewertet als solche, die auch weiter im Landesinneren stattfinden könnten? Welche Referenzrahmen und Regeln liegen diesen Bewertungen zugrunde? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es diesbezüglich in Deutschland und Polen? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen zwischen professionellen und alltäglichen Wahrnehmungen?

Das Projekt soll zur differenzierten Wahrnehmung von Kriminalität und Devianz in Grenzgebieten beitragen, insbesondere von tatsächlichen und gefühlten Bedrohungen.