Sachsen: Weltoffen!

„Bewegung und Begegnung“ auf der via regia

von Winfried Müller

 

„800 Jahre Bewegung und Begegnung“ – unter diesem Motto stand 2011 die 3. Sächsische Landesausstellung in Görlitz, die der via regia als der bedeutendsten Ost-West-Verbindung der Vormoderne gewidmet war. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um die auch als „Hohe Straße“ bezeichnete Wegstrecke zwischen Frankfurt am Main und Breslau (Wrocław), die in Sachsen und in der Oberlausitz wichtige Knotenpunkte hatte, an denen sich Verkehr und Handel konzentrierten: die Messestadt Leipzig etwa, wo sich die via regia mit der Nord-Süd-Achse der via imperii kreuzte, oder Görlitz. Dass von dieser Kernzone aus Verzweigungen und Fortsetzungen weiterführten, ist unbestritten. Ebenso klar muss aber auch gesagt werden: Wenn im populären Diskurs der Gegenwart Santiago de Compostela im Westen und Kiew im Osten als Endpunkte einer als via regia bezeichneten „Europäischen Kulturstraße“ genannt werden, so sind das moderne Projektionen, die durch das 1987 begonnene Kulturstraßenprogramm des Europarats forciert wurden und insbesondere im europapolitischen Diskurs seit 1989 eine wichtige Rolle spielen. Die via regia machte auf diese Weise Karriere als ein „Königsweg nach Europa“, der 2007 die Anerkennungsurkunde als „Major Cultural Route of the Council of Europe“ erhielt. Die via regia als Symbol für den europäischen Einigungsprozess – diese Idee stand natürlich auch hinter dem Ausstellungsprojekt des Jahres 2011, für das sie aber noch in anderer Hinsicht einen symbolischen Mehrwert hatte. Sie stand auch für das „unentwegte Hin und Her“, für die permanente Migration von Menschen, Gütern, Ideen, Formen und Stilen, ja ganz generell für die „Unverwüstlichkeit menschlicher Intelligenz und Unternehmungslust“ (Karl Schlögel) und für das Faktum, dass Mobilität, Migration und die Begegnung mit Fremdem der historische Normalfall sind, der von Befürchtungen und Chancen gleichermaßen begleitet wird.

Diese historische Perspektivierung von „Bewegung und Begegnung“ zeigte zugleich, dass in die Vormoderne, in der noch nicht die Grenzziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts galten, ganz andere Trennungslinien eingezogen waren. Zu verweisen ist hier nur auf die kleinteilige Struktur des Alten Reiches bzw. eines pränationalen Europas, die für den Handel auf den Straßen und im Übrigen auch auf den großen schiffbaren Flüssen zahlreiche Hürden in Gestalt von Landesgrenzen, Zoll- und Geleitstationen mit sich brachte. Selbst für das heutige Sachsen darf man bei einer virtuellen Reise auf der via regia nicht in aktuellen politisch-geografischen Kategorien denken, führte die Straße in ihrer Blütezeit, im 15. und 16. Jahrhundert, doch durch politisch unterschiedliche und konkurrierende Territorien: durch Kursachsen und die bis 1635 als Nebenland der böhmischen Krone firmierende Oberlausitz. Für die Handel betreibenden historischen Akteure bedeutete das, dass sie bei ihrem Übergang von der Oberlausitz nach Sachsen eine Landesgrenze überschritten, was unter anderem die Anpassung an unterschiedliche Rechts- und Währungssysteme bedeutete. Zu denken ist aber, wenn von den in der Vormoderne wirksamen Trennungslinien die Rede ist, auch an die konfessionellen Grenzziehungen – hier etwa das vom Haus Habsburg rekatholisierte Schlesien mit protestantischen Minderheiten, dort das streng lutherische Sachsen, schließlich die mehrheitlich protestantische Oberlausitz mit einer katholischen Minderheit. Damit wurden Spannungsfelder aufgemacht, die beispielsweise auf Studium und Bildung nachweislich durchschlugen und die auch für die wichtige Frage des Kulturtransfers entlang der via regia nicht ohne Auswirkungen blieben.

Kulturtransfer, Rechts- und Währungssysteme, Handel – diese Begriffe verweisen auf die Multifunktionalität der Straße, wobei die via regia im historischen Bewusstsein vor allem in ihrer Primärfunktion als Handelsstraße überdauert hat. Und in der Tat ist die Bedeutung der Kaufleute und Händler als prägende Personengruppe evident: Unternehmerpersönlichkeiten aus dem Görlitzer Umfeld wie Georg Emerich oder der Großkaufmann Hans Frenzel sind hier ebenso zu nennen wie die sich in Leipzig als einem Zentrum des mitteleuropäischen Handels konzentrierenden Kaufleute. Mit ihnen geraten zugleich auch die Waren und Produkte in den Blick. Hier war der Aufschwung des Handels auf der Ost-West-Achse seit dem späten Mittelalter gleichbedeutend mit der Tatsache, dass es „praktisch kein damals hergestelltes und erzeugtes Produkt“ (Manfred Straube) gab, das nicht auf der via regia gehandelt wurde. Freilich diente die via regia wie im Übrigen auch alle anderen Fernstraßen nicht nur als Handelsweg. Dass sie im heutigen Sprachgebrauch teilweise auch als große Heerstraße bezeichnet wird, verweist auf ihre militärische Bedeutung, etwa in der napoleonischen Ära. Doch nicht nur Napoleons Truppen bewegten sich auf der via regia. Im Juni 1697 zog August der Starke mit großem Gefolge durch die Oberlausitz, machte in Görlitz Quartier, um dann nach Polen weiterzuziehen und sich dort zum König krönen zu lassen. Gleichzeitig wurde die via regia aber auch als Poststraße genutzt. Studenten und Scholaren zogen zu den an ihr gelegenen Bildungsstätten, Pilger reisten auf ihr im Spätmittelalter zu den Wallfahrtsorten in Nah und Fern. In krassem Gegensatz zu dieser von der Sorge um das eigene Seelenheil motivierten freiwilligen Mobilität stand dann nach der Reformation die konfessionell bedingte Zwangsmigration etwa der böhmischen Exulanten. Gerade im schlesisch-böhmisch-oberlausitzischen Länderdreieck mit seinem für die Frühe Neuzeit ungewöhnlichen religiösen Pluralismus spielte sie eine bedeutende Rolle. Und gleichfalls eher auf Zwang bzw. Notsituationen und weniger auf Freiwilligkeit zurückzuführen war die Unterschichtenmobilität der Arbeitsmigranten, Hausierer und Wanderhändler, Vaganten und Bettler. Gleichzeitig ist aber auch an die an oder nahe der Straße lebenden Menschen zu denken, die von den ökonomischen Anreizen und Chancen eines bedeutenden Handelsweges profitierten: an die Menschen, die die auf der Straße transportierten Güter verarbeiteten bzw. veredelten, an Dienstleister, die Wagen und Transportgefäße herstellten und reparierten oder Zugtiere betreuten, an die im Bereich des Gastungs- und Herbergswesen Tätigen. Sie alle, das Ensemble der „Menschen unterwegs“ und der an der Straße Lebenden und Arbeitenden, waren es, die die Straße als sozialen und kulturellen Begegnungsraum konstituierten und die sich zugleich den von ihnen geschaffenen Mechanismen – Rechts- und Sicherheitsnormen, Zöllen und Gebühren – aus Gründen der Funktionalität des Systems Straße unterordneten.

Migration, „Bewegung und Begegnung“, sind zwar der historische Normalfall, aber die zeitlichen und räumlichen Schwerpunkte wandeln sich. Das galt auch für die via regia, der bereits seit dem 17. Jahrhundert der politische und ökonomische Aufstieg Brandenburg-Preußens zu schaffen machte. Vollends galt dies, seit die Annexion Schlesiens durch Preußen mit dem Frieden von Hubertusburg (1763) endgültig festgeschrieben wurde. Eine weitere Umleitung der Warenströme brachte der Übergang der Niederlausitz und von Teilen der Oberlausitz von Sachsen an Preußen (1815). Vor allem aber wurde im Prozess der Industrialisierung der Straßentransport durch die Eisenbahn marginalisiert. Die Bedeutung der via regia als dem Tor Sachsens zur (Waren-)Welt ging damit zwar massiv zurück, sie diente gleichwohl weiterhin als Transferkorridor zwischen Ost und West. Für das 19. Jahrhundert ist hier insbesondere an die oft von Unstetigkeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen geprägte Arbeitsmobilität zu denken, die Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen und Nationen zusammenführte; so waren beispielsweise in der Glasfabrik in Scheckthal 1848 Arbeiter aus Böhmen, Preußen, den Niederlanden und Frankreich beschäftigt. Der letzte große Migrationsschub des 20. Jahrhunderts auf der in der Vormoderne als via regia bezeichneten Streckenführung bedeutete dann zugleich das vorläufige Ende alter Verbindungen. Angesprochen ist damit die Zwangsmigration nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als mit der Festlegung der Oder-Neiße-Linie Görlitz zur geteilten Stadt wurde, mit dem polnischen Grenzort Zgorzelec und den bei Deutschland verbliebenen Stadtteilen am westlichen Ufer der Neiße, wo sich 1945/46 zehntausende Flüchtlinge und Vertriebene zusammenballten. Auch daran erinnerte die Landesausstellung zur via regia, die mit ihrem sowohl in deutscher als auch in polnischer Sprache gedruckten Katalog zugleich ein Ausläufer der von der Reaktivierung alter Ost-West-Verbindungen und von der Idee eines Europa der offenen Grenzen beflügelten Aufbruchsstimmung der 1990er Jahre war. Die wohltuende Normalität, mit der dabei „aus der beschwerlichen Route, die einmal … das westliche und östliche Europa verband … ziemlich prosaisch, dafür aber schnell und effektiv eine E 40 geworden“ (Karl Schlögel) ist, löst sich aktuell unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise allerdings eher auf. „Bewegung und Begegnung“ sind nur wenige Jahre später weitaus weniger positiv und deutlich stärker mit Befürchtungen konnotiert als zum Zeitpunkt der 3. Sächsischen Landesausstellung. Ein erneuter Blick auf die via regia, der die Chancen und Risiken von Mobilität und Migration historisch perspektiviert, kann deshalb nicht schaden.

 

Zum Weiterlesen:

ENKE, Roland/PROBST, Bettina (Hg.), via regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung. Katalog zur 3. Sächsischen Landesausstellung, Dresden 2011

 

MÜLLER, Winfried/STEINBERG, Swen (Hg.), Menschen unterwegs. Die via regia und ihre Akteure. Essayband zur 3. Sächsischen Landesausstellung, Dresden 2011

 

SCHWINGES, Rainer Christoph (Hg.), Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter (Vorträge und Forschungen 66), Ostfildern 2007

SZABÓ, Thomas (Hg.), Die Welt der europäischen Straßen. Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2009